Prima Klima in Lima

Prima Klima in Lima

Ob es am Wetter liegt, dass sich landauf, landab Redaktionsstuben in geistiges Ödland verwandeln? Ich bin heute gleich über mehrere völlig inhaltsleere Artikel gestolpert. Damit das nicht langweilig wird, kommt gleich der dickste Brocken auf den Tisch: Weltuntergang. Demnächst. Vermutlich.

Man muss daran glauben

»Und wieder ist es Sommer geworden. Die Nordsee brandet an den Strand von Dortmund, doch jeder, der kann, bleibt in seinem klimagekühlten Haus. Was wie eine Szene aus einem Katastrophenfilm wirkt, könnte Wirklichkeit werden — glaubt man der Analyse von Klimaforschern […]« [1]

Mit anderen Worten: Glaubt man nicht daran, passiert es vielleicht nicht. Oder irgendetwas anderes. Oder so. Könnte ja sein. Dieses esoterische Geschwurbel stammt übrigens nicht aus dem Voodoo‐Keller von »Heilpraxisnet« — sondern von der Tagesschau. Genau das ist das Problem, wenn man einmal mit Halbwahrheiten und überraschenden Interpretationen der Realität anfängt. Der Kram macht süchtig.

»Darin ist von einer ›Heißzeit‹ die Rede, in der sich die Erde um vier bis fünf Grad zu erhitzen droht. Den Wissenschaftlern zufolge könnte der Meeresspiegel langfristig um zehn bis 60 Meter ansteigen. Ganze Inseln und weite Landstriche drohen dabei unterzugehen.«

Heißzeit? Toller Name! Reimt sich auf Eiszeit. Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu verstehen, dass bei einer derartigen Temperaturerhöhung der Meeresspiegel auf unerfreuliche Weise ansteigt. Nur muss sie dafür erst mal stattfinden. Der Vorteil einer Glaubensgemeinschaft ist, dass man nicht darauf warten muss. Nur daran glauben. Vor 18.000 Jahren, also quasi »vorgestern«, lag der Meeresspiegel übrigens 135 Meter tiefer.

Immerhin, zur Ehrenrettung der Tagesschau darf nicht unerwähnt bleiben, dass sie auch einen Fachmann konsultiert hat, der ihr das etwas seriöser erklärt (oder im Tagesschau‐Jargon: »Er wiegelt ab«): »Selbst, wenn wir einen Schwellwert überschreiten, den wir nicht mehr stoppen können, würde das im Verlauf vieler Jahrtausende passieren.« Aber wer glaubt, dass dort, wo in ein paar Jahrtausenden der Strand verläuft, dann noch Dortmund existiert… egal.

Irgendwann passiert irgendwas

»Ab wann der Klimawandel unumkehrbar sein wird — darauf geben die Autoren der Analyse keine Antwort. Nur, dass dieser Punkt irgendwann erreicht sein wird.«

Ohne Scheiß, Sherlock! Das ist wie bei der alten Wahrsagerin auf dem Jahrmarkt, wenn sie in ihre Kristallkugel schielt und »Ich sehe den Tod…« raunt. Sie irrt sich nie. Nur leider, leider geht es nicht präziser! Wie wäre es damit: In etwa 1,6 Milliarden Jahren ist mit einer Durchschnittstemperatur von 70 Grad Celsius zu rechnen. Dabei wird verstärkt ein Klimakiller in die Atmosphäre geblasen, der zehnmal potenter ist als CO2: Wasserdampf. Hundert pro.

»Besonders sogenannte Kippelemente im Klimasystem könnten als Brandbeschleuniger wirken. Bei diesen Elementen handelt es sich um einzelne Ökosysteme wie den Regenwald oder die Grönland‐Eisdecke. Diese Systeme könnten sich wie eine Reihe von Dominosteinen verhalten, […]«

Könnten sie. Sie könnten sich aber auch ganz anders verhalten. Warum hat niemand vorhergesehen, dass die Vegetation förmlich explodiert, sobald die Atmosphäre mehr CO2 enthält? Das wäre ja naheliegend gewesen. Trotzdem sind jetzt alle »Experten« total überrascht.

Ja, wo laufen sie denn…

»[…] ›Die Prozesse laufen bereits‹, erklärt Werner Eckert, SWR‐Umweltexperte. ›Das Eis in der Antarktis schmilzt, die Permafrostböden tauen, der Regenwald im Amazonas trocknet teilweise aus.‹ Die Gefahr, dass diese Prozesse unumkehrbar werden, sei real.«

Das ist grober Unfug. Bereits der schüchterne Blick auf einen beinahe beliebigen Bohrkern zeigt, dass es so etwas wie »unumkehrbare Prozesse« in der Erdgeschichte nicht gibt. Klimatische Kontinuität ist die Ausnahme. Das Klima wechselt seit jeher von unerträglich heiß zu beschissen kalt und wieder zurück. Wenn es überhaupt etwas wie einen »Normalzustand« gibt, dann ist es: Klimawandel.

»Stellen Sie sich ein Auto vor, das einen Hang hinauf geschoben wird. Wenn das Auto einmal über die Kante rüber ist, dann rauscht es ab. Das ist das, was die Klimaforscher mit ihrer Analyse sagen wollen. […]«

Ernsthaft? Wobei, doch, genau dieses Gefühl hatte ich bei der Lektüre auch. Wir forschen einfach so lange im Nebel herum, bis das Klima die Freundlichkeit besitzt, sich den Modellen und Vorhersagen anzunähern. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass dies nie geschieht, ist relativ gering. Also warum aufhören? Läuft doch!

Früher war alles kälter

»Die Folgen der Hitzewelle dieses Sommers sind sogar aus dem Weltall zu sehen. […] Astronaut Alexander Gerst von der Raumstation ISS auf Twitter: ›Schockierender Anblick. Alles vertrocknet und braun, was eigentlich grün sein sollte.‹[…]«

Was denn nun? Ich dachte immer, Wetter ist nicht gleich Klima? Jetzt haben wir in Mitteleuropa seit Jahren mal wieder einen Sommer, der Erinnerungen an 2003 wachruft, und schon werden alle Grundsätze über Bord geworfen…

»Verantwortlich für den deutschen Jahrhundertsommer sei ein Jetstream, also ein Starkwindband in der Höhe, das sich wellenartig um die Nordhalbkugel schlängelt, erklärten Meteorologen in den vergangenen Wochen. Auch das sei eine Folge des Klimawandels, sagt Sven Plöger vom ARD Wetterstudio.«

Stimmt. Nur ist damit keinerlei Aussage darüber getroffen, warum sich das Klima wandelt. Es wandelt sich, zweifellos. Nur warum? Bisher hat es das auch ohne menschliches Zutun ganz gut von selbst hinbekommen. Ich würde ja auch gerne daran glauben, dass es sich per internationalem Abkommen ändern lässt — allein, mir fehlt der Gehaltsscheck.

»In den letzten Jahren konnten wir immer häufiger beobachten, dass die Welle des Jetstreams zum Stillstand kam und somit wochenlang das gleiche Wetter herrschte«, so Plöger.«

Das wurde übrigens schon im frühen Mittelalter (und vermutlich davor) beobachtet. Der »Siebenschläfertag« in alten Bauernregeln beruht darauf. Damals war es wärmer als heute. Danach wurde es kälter (»Kleine Eiszeit«) und danach… nun, wieder wärmer. Sollten wir tatsächlich in der Lage sein, mit primitivsten Mitteln (»Zeug verbrennen«) das Klima zu beeinflussen: Super! Das wird gleich noch wichtig.

Unabkömmlich

»Viele Forscher nahmen bislang an, dass die Klimaerwärmung bei zwei Grad gegenüber vorindustriellen Werten gestoppt werden könnte. Das ist nach neueren Erkenntnissen nicht mehr der Fall.«

Ich rate mal so ins Blaue hinein: Die selben Forscher, die unentwegt ihre Berechnungen der Realität anpassen müssen, sind sich diesmal wirklich sicher? Pfadfinder‐Ehrenwort?

»Deshalb würde ich dazu raten, das System so wenig wie möglich zu stören, so wenig Treibhausgase wie möglich ausstoßen, um nicht an diesen unumkehrbaren Punkt zu gelangen.«

Es sei denn natürlich, die längst überfällige Eiszeit setzt überraschend ein. Dann müssten wir so viel Treibhausgase wie möglich ausstoßen und — es würde trotzdem nicht reichen. Zur Erinnerung: Wir befinden uns in einer Zwischen‐Warmzeit eines Eiszeitalters. Auch wenn es sich momentan nicht so anfühlt.

Eckert bestätigt diese Einschätzung. »Selbst, wenn wir das Pariser Klimabkommen umsetzen, könnte es sein, dass der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten wäre. Man müsste also über das hinausgehen, was im Klimabkommen steht, und zwar relativ schnell.«

Die Sache hat nur einen winzigen Haken. Der Klimawandel setzt sich auch dann fort, wenn die Maßnahmen des Pariser Abkommens bis aufs letzte Komma und darüber hinaus jetzt und sofort umgesetzt werden. Und dann?

Trump ist schuld

»Latif und Eckert verstehen die Analyse der Klimaforscher deshalb in erster Linie als politischen Appell, einen, der interessanterweise in den USA in Auftrag gegeben wurde, in einem Land also, dessen Präsident den Klimawandel leugnet.«

Er leugnet den Klimawandel nicht. Er meint nur (zurecht), dass er ihn nicht »aufhalten« kann. Und Bescheidenheit ist normalerweise nicht sein Ding. Das ist ein bisschen wie mit der Gravitation: Ich leugne sie nicht. Sie existiert. Aber ich werde nicht plötzlich schweben, völlig egal, wie viele Fördermittel man mir gibt. Ich könnte dann allerdings in den Urlaub fliegen und…

»Doch auch, was Deutschland anbelange, sagt Latif, könne er momentan nicht erkennen, dass die Politik daran arbeite, das Pariser Klimaabkommen umzusetzen. Tatsächlich ist Deutschlands Ziel für 2020, den CO2‐Ausstoß um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu drücken, kaum noch einzuhalten.«

Hokuspokus. Wer richtig dicke Plätzchen backen will, sollte nicht am Teig sparen! Was, wenn wir das CO2 einfach in Ruhe lassen und stattdessen die Nordsee mit einer riesigen, reflektierenden Plane zudecken? Das würde tatsächlich einen messbaren Unterschied machen (weniger Erwärmung -> weniger CO2‐ und Wasserdampfemissionen -> weniger Treibhauseffekt, etc.).

Unvermeidliche Bauernopfer

»[…] Das sieht auch Umweltministerin Svenja Schulze so. Ein ›Weiter so‹ in der Landwirtschaft dürfe es nicht geben. Massentierhaltung und die intensive Bewirtschaftung von Feldern würden die ökologische Schieflage weiter verstärken.«

Warum? Welche Tiere? Pupsende Kühe, wegen dem Methan? Okay, und Hühner? Was spricht gegen Massenhühnerhaltung? (Artgerecht!) Hühner sind nicht klimaschädlich. Genauso wenig wie intensive ökologische Landwirtschaft. Die ist, im Gegenteil, sogar hilfreich, weil sie die Biodiversität fördert.

Wobei, schon klar, auf dem Wege kann man sich natürlich gleich die Hilfe für notleidende deutsche Bauern sparen und das Geld klimaschonend irgendwelchen Nomaden in den Arsch blasen (im Idealfall »Klimaflüchtlingen«)…

Jemand müsste mal…

»Wenn wir in den nächsten Jahren nicht sehr viel tun, dann können wir danach nichts mehr ändern«, fasst Eckert das Fazit der Studie zusammen.

Jo, oder wie meine Omma immer sagte: »Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter — oder bleibt, wie’s ist…« Sie hatte zwar nichts »mit Meteorologie« studiert (von Klima ganz zu schweigen), aber meistens doch recht. Und ihre Vorhersagen waren deutlich preiswerter.

Mal ernsthaft jetzt. Ich bin nicht beeindruckt! Jahrzehntelange Forschung und das Ergebnis ist: Das Klima ändert sich? Ernsthaft? Natürlich ändert es sich! Wer das anzweifelt, ist nicht ganz dicht in der Birne. Aber das ist gar nicht das Problem dabei. Das Problem ist, dass wir unsere fragile Gesellschaft auf der Annahme errichtet haben, dass der vorgefundene klimatische Ausnahmezustand (relative Stabilität) die Norm ist und mit etwas gutem Willen auf unabsehbare Zeit so erhalten werden kann. Newsflash: Kann er nicht!

Nicht von uns. Eine Stufe‐1‐Zivilisation könnte das hinbekommen. Mindestens Stufe 1. Aber wir sind keine. Vielleicht in 50 oder 100 Jahren, mit viel Glück. Was wir allerdings bereits heute sind und schon immer waren: Meister der Anpassung. Der Zellhaufen, der da gerade vor dem Bildschirm sitzt und sich andächtig den Kopf kratzt, wurde über Jahrmillionen von Eis und Dürre geformt.

Mir persönlich ist egal, wer woran »glaubt«. Wer sich besser dabei fühlt, wenn er mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, weil dann keine Eisbären sterben müssen, soll das bitteschön gerne tun. Nicht mein Problem. Aber was ist wahrscheinlicher: Dass wir kurzfristig das Klima (zum Guten oder zum Schlechten) ändern können — oder dass wir überleben, wenn wir das tun, was wir am besten können: Uns ändern, uns anpassen?

[1] https://www.tagesschau.de/ausland/klimastudie-101.html

Sina Lorenz

Patriotische Libertäre mit Tendenz zu geistigen Amokläufen.
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