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Sie sind (wieder) da

»AfD-Wähler: Sie sind da«, trötet es dissonant aus der ZEIT. [1] »Hip, öko, wohlhabend und von Rechten umgeben: In meinem Berliner Bezirk wählt mehr als jeder Dritte die AfD. Vielen meiner Nachbarn ist das egal. Mir nicht.« Meint Caroline Rosales. Da dort nicht nur die Flagge sprichwörtlich »nach rechts weht« (seid ihr da selbst drauf gekommen?), schauen wir uns das mal genauer an. Schön wird das nicht.

Caroline Rosales, Jahrgang 1982, erfahren wir, ist unter anderem Gastautorin bei »10 nach 8«. Keine Sorge, die Uhr ist nicht kaputt, das muss so. Ist ja eigentlich auch ein beruhigender Gedanke für Menschen, bei denen immer 5 vor 12 ist. Egal. Ich erwähne das nur, um die Filterblase zu veranschaulichen, die sie vom richtigen Leben isoliert hat. Das muss man sich ungefähr so vorstellen:

Wir, die Redaktion von 10 nach 8, sind ein vielseitiges und wandelbares Autorinnenkollektiv. Wir finden, dass unsere Gesellschaft mehr weibliche Stimmen in der Öffentlichkeit braucht. Wir denken, dass diese Stimmen divers sein sollten. Wir vertreten keine Ideologie und sind nicht einer Meinung. Aber wir halten Feminismus für wichtig, weil Gerechtigkeit in der Gesellschaft uns alle angeht. Wir möchten uns mit unseren LeserInnen austauschen. Und mit unseren Gastautorinnen.

Na, mit mir bestimmt nicht, jede Wette. Ist mir aber egal. Auf jeden Fall: Schön divers sollen die Stimmen sein. Merken, das wird später noch wichtig. Und natürlich vertritt das Kollektiv (hust) keine Ideologie. Abgesehen vom Feminismus.

Der Volkspark Berlin-Blankenfelde liegt saftig grün vor uns, alles blüht. Die andere Mutter und ich haben beschlossen, den warmen Frühlingsnachmittag hier unter Nachbarn zu verbringen. Wir haben unsere Schuhe ausgezogen, sitzen auf einer karierten Decke im Gras. Ihr Baby liegt vor uns und nagt an einem Beißring. Wir unterhalten uns über unsere Jobs, Kinofilme, die Bücher, die wir gerade lesen. Sie hat nur Augen für ihr Baby, ich schaue ab und zu in Richtung unserer beiden sechsjährigen Söhne, die etwa zehn Meter entfernt von uns Fußball spielen.

Sorgsam wird die Szenerie aufgebaut. Noch ahnt niemand, welch schreckliche Tragödie sich in wenigen Augenblicken genau hier, inmitten dieser trügerischen Idylle, abspielen wird. Es ist einer dieser Momente, in denen einem gleichsam das Schicksal persönlich einen Finger in den Popo steckt. Nichts wird je wieder so sein wie zuvor. Zurück bleiben nur ein paar traumatisierte Kinder und verbrannte Erde. Mindestens. Es könnte jeden treffen. Dich, dich da und hey, leg’ das verdammte WhatsApp beiseite und pass auf!

Die andere Mutter redet, und ich sehe, wie die Jungs auf einmal mit zwei jungen Männern sprechen. Die haben selbst einen Fußball dabei und zeigen unseren Söhnen Balltricks. Die Männer tragen T-Shirts, Cargohosen – und bundeswehrartige Frisuren mit ausrasiertem Nacken.

»Bundeswehrartige« Frisuren mit ausrasiertem Nacken? Warte mal, das sind doch bestimmt, ich hab’s gleich, wo habe ich sowas schon mal gesehen *schnipps* *schnipps* Ah ja, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge! Außer, sie sehen nicht südländisch aus. Dann sind es — Soldaten. Oder Polizisten. Oder irgendwelche sonstigen modebewussten Menschen. Darüber aufgrund der Hautfarbe zu spekulieren, wäre freilich rassistisch, also lassen wir das mal lieber. Am Ende sagt noch irgendein Depp »Nazis«!

»Ich will nicht, dass die Jungs mit Nazis reden«, sage ich plötzlich und falle damit meiner Bekannten ins Wort.

Ernsthaft jetzt? Schnecke, der Zug ist schon vor ein paar Jahren abgefahren. Oder wird bei euch zu Hause nicht geredet? Ich stelle mir das arg anstrengend vor, Heranwachsenden Vorurteile und Hasspredigten per Flaggenalphabet zuzuwedeln. Allein schon die ganzen Gendergaga-Sonderzeichen mitten in den Worten. Aber gut. Warum auch nicht.

»Ach, Caro. Das sind doch keine…«, erwidert sie.

Ja Cargo, äh, Caro, das sind vielleicht gar keine… Stell Dir mal vor, wie blöd Du gleich dastehst: Unhöflich, halbwissend, intolerant und leicht paranoid-hysterisch. Was soll denn Deine Freundin denken? Oder — den unwahrscheinlichen Fall angenommen, dass eine verzweifelte Zeitung am Rande des Sommerlochs diese Story bringt — die halbe Welt. Mein Tipp: Ruhig sitzen bleiben und bloß keine Szene machen!

Aber da bin ich schon aufgestanden, renne zu unseren Söhnen und sage ihnen, dass wir langsam gehen müssen.

Das war so klar…

Minuten später sitzen die Jungs mit uns auf der Decke, als einer der beiden Männer verschwitzt sein T-Shirt auszieht. Auf seinem Rücken wird ein großes Wehrmachtskreuz sichtbar.

Sicher? Ich meine, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Frau nicht nur Frisuren-Expertin, sondern auch noch in Heraldik bewandert ist? Denkbar, dass es sich in Anbetracht der »bundeswehrartigen« Haartracht beim vermeintlichen »Wehrmachtskreuz« um das Hoheitszeichen der Bundeswehr handelte. Wäre ja irgendwie naheliegender.

Warum sich sowas jemand auf den Rücken tätowiert? Was weiß denn ich! Vielleicht hat der Mann eine Nacktkampfausbildung absolviert und möchte als Kombattant deutlich erkennbar bleiben, wenn er von hinten angegriffen wird. Vielleicht hat er sich auch die Eier schwanz-rot-gold angemalt. Wer stellt überhaupt solche bescheuerten Fragen? Oh halt, das war ich grad. Hm. Egal.

Trotz Vorahnung stockt mir der Atem. Die andere Mutter schluckt – das kann ich sehen –, sagt aber nichts.

Natürlich nicht. Schließlich ist sie gerade mit Schlucken beschäftigt. Was auf einen Speichelüberschuss hindeutet. Welcher Sinnesreiz ihr das sprichwörtliche Wasser im Munde zusammenlaufen ließ, wäre an dieser Stelle reine Spekulation. Das muss ja jetzt nicht sein, das bringt uns hier nicht weiter.

Hektisch packe ich meine Sachen, nehme meinen Sohn an die Hand, der protestiert. Im Gehen verspreche ich ihm ein Eis und später eine Erklärung.

Oh Mann. Zu schade, dass ich dieser Rede nicht beiwohnen durfte! Was ist eigentlich aus dem anderen Sohn geworden? Spielt der immer noch zurückgelassen im Park? Müssen ihm jetzt schon Nazis Eis kaufen? Egal, die große Erklärung. Wie wird sowas wohl klingen?

»Schau mal, Jerome-Pascal, es gibt böse Menschen da draußen. Die sehen anders aus wie wir, die sind intolerant und wollen andere Menschen ausgrenzen, nur weil sie eine andere… Nein, nicht wie bei Dir in der Gruppe. Eigentlich sind das gar keine richtigen Menschen, weißt Du. Die wollen Schwächeren weh tun und ihnen alles wegn… Nein, verdammt, ich kann Dir nicht wieder ein neues Handy kaufen! Offenbar provozierst Du Deine traumatisierten Mitschüler mit Deinem white privilege — die nehmen Dir das doch nicht grundlos weg!«

Die andere Mutter fächert ihrem Baby derweil weiter Luft zu, wir hatten uns höflich verabschiedet. Sie wollte noch eine Weile sitzen bleiben.

Krass, oder? Da bleibt die einfach eiskalt in dieser Nazihölle und tut so, als wäre nichts gewesen. Gut, es war ja auch nix. Außer der peinlichen Szene grad. Da würde ich auch nicht den Eindruck erwecken wollen, zu der fraglichen Person zu gehören.

Sie hat hier vor Kurzem mit ihrem Mann ein Haus gekauft. Gleich die Straße runter. Sie muss hierbleiben. Oder gehen und sich damit indirekt eingestehen, dass die Gegend für ihre Familie, für die kommende Einschulung ihres Sohnes doch keine gute Idee war.

Sie könnte auch einfach bleiben und sich freuen, dass sie mit dieser Gegend einen Glückstreffer gelandet hat. Das kann sie natürlich auf keinen Fall eingestehen, schon gar nicht so einer grenzdebilen Spinatwachtel gegenüber. Mal ehrlich, nach der Aktion gerade? Die wird schweigen, genießen und sich freuen, dass weder ihr neues Haus brennt, noch dass sie einer im Park ins Gebüsch zerrt. »Best of both worlds« sozusagen. Warum sollte sie das durch ein unbedachtes Wort aufs Spiel setzen?

Ich hingegen bin lediglich Mieterin in diesem Viertel und könnte jederzeit weiterziehen. Den Möbelwagen bestellen und zwar besser heute als morgen, denn die Grenze des Erträglichen ist längst überschritten.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich nach dieser Meldung die Auftragslage örtlicher Catering-Unternehmen sprunghaft verbessert hat. Wer hat schon ausreichend große Zelte und Hüpfburgen in der Garage für so absehbar überdimensionierte Parties. Äh, Abschiedsfeiern. Abschiedsfeiern natürlich. Ja.

Wir wohnen in Berlin-Blankenfelde, einem Teil von Pankow. Zwischen Birnbaumring und Gurkensteig. Nirgendwo in Berlin hat die AfD mehr Stimmen bekommen als am Pankower Stadtrand: 37 Prozent haben bei der vergangenen Bundestagswahl im September 2017 die AfD angekreuzt. Im September 2017 hatte die Partei hier 7,7 Prozent Zuwachs.

Warum würde da jemand weg wollen??? Die Leute haben offenkundig noch alle Tassen im Schrank und keinerlei Interesse daran, dass ihr Wohlfühlrand so schön hip und bunt wie die Innenstadt wird. Wer möchte es ihnen verübeln? Okay, ich formuliere die Frage anders: Wer außer den anwesenden linksgrün versifften Autorinnen möchte es ihnen verübeln? Die Zahl der Handzeichen ist überschaubar. Oh Überraschung.

Pankow, das ist kein sozialer Brennpunkt, hier gibt es weder Moscheen noch Flüchtlingsheime. Ganz im Gegenteil, ich lebe im ehemaligen Osten, nur wenige Kilometer vom hippen, intellektuellen Prenzlauer Berg entfernt.

Und der Zusammenhang ist jetzt welcher? Nach dieser Logik müssten in unmittelbarer Nähe von Atomkraftwerken überproportional viele Grünen-Wähler wohnen. Eigentlich müssten die Japaner (nicht nur wegen Fukushima) ein eher gespaltenes Verhältnis zur Kernenergie haben. Aber die Kraftwerke werden am anderen Ende der Welt abgeschaltet. Seltsam, oder?

Ich lebe in jenem grünen Stadtteil, wo die Biobauernhöfe, Pferdeställe, Waldkindergärten und alternativen Naturschulen stehen, in die die Prenzlauer-Berg-Eltern morgens ihre korrekt gestillten, gekleideten und erzogenen Kinder hinbringen. Sie sollen hier Pilze sammeln, wandern und Gemeinschaftsgefühl lernen.

Och Mädel. Das ist doch schon alles sehr verdächtig! Natur, Idylle, Sauberkeit und gute Erziehung, Ordnung, Gemeinschaft. Mal ehrlich, wer wartet nicht gespannt darauf, wann endlich die unvermeidliche HJ-Gruppe durchs Bild marschiert?

Pankow wirkt auf den ersten Blick gutbürgerlich, anständig, biologisch korrekt: ein Idyll, in dem massenweise neue Eigenheime entstehen. »Jede Baulücke wird hier geschlossen«, sagt meine ältere Nachbarin. In den Garagen parken weiße SUVs, in den Gärten stehen Trampoline und Schaukeln. Jeder macht seins. Sonntags herrscht hier trotz der vielen Kinder Totenstille.

Das klingt so vorwurfsvoll irgendwie. Vielleicht fahren die am Wochenende mit ihren Kindern in den Görlitzer Park, bisschen Abenteuersafari und so? Offensichtlich gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Art von Park ein (un)wohliges Schaudern erzeugt. Nicht jeder traut sich gleich, vermeintliche Nazis zu diskriminieren. Manche üben erst mal an vermeintlichen Syrern aus Nigeria.

Auch sonst wird hier wenig geredet. Weder über das schockierende Wahlergebnis der AfD noch über die Bundestagswahl 2009 und 2013, als hier überall NPD-Plakate hingen.

Okay, aber… der Grund, dass da keine NPD-Plakate mehr hängen, ist ja unter anderem das »schockierende« Wahlergebnis der AfD. Die Leute haben endlich eine Alternative, die müssen nicht mehr vor lauter Frust mit so einem braunen Kreuzchen »Politiker abstrafen«. Mal davon abgesehen, dass da Plakate hingen, wie viele haben die überhaupt gewählt damals? Und welchen Zweck hat es, sich fünf Jahre später immer noch darüber aufzuregen?

Und dass die AfD vor zwei Wochen in aller Ruhe unter Polizeischutz ein Volksfest mit Bierbänken und Hüpfburg als Privatveranstaltung ausrichten durfte: nicht der Rede wert.

Doch, darüber sollten wir dringend mal reden! Es ist nicht normal, dass das Volksfest einer demokratischen Partei nur noch unter Polizeischutz friedlich (oder überhaupt) stattfinden kann. Das ist in der Tat skandalös. Und das liegt primär an solchen »dagegen muss man doch irgendwas tun!«-Dummbroten. Wenn man meint, unbedingt etwas »tun« zu müssen, dann gibt es jede Menge legale Taten, die getan werden können. Beispielsweise friedlich demonstrieren. Ich weiß, ist uncool. Soll aber so.

»Das geht ja fast noch«, sagt eine Bekannte von mir. Sie ist zweifache Mutter und Grundschullehrerin in Blankenfelde. Vor einem Jahr fanden vor ihrer Haustür abends am Pastor-Niemöller-Platz noch Fackelzüge für die Pegida-Bewegung statt. »Warum hast du nicht die Polizei gerufen?«, fragte ich sie damals schockiert. »Das ging nicht, die waren doch schon da«, antwortete sie.

… Kommt da noch was? Okay, es gab Fackelzüge für PEGIDA. Und? Was genau ist der Skandal? Dass die Polizei aufgepasst hat, damit bloß niemand die Fackelzüge abfackelt? Oder so? Mann, tun mir die Kinder von solchen Meldemuschis leid. Das ist genau die Sorte Mensch, die gleich zum ABV gerannt ist, wenn beim Nachbarn »Westfernsehen« lief. Oder zum Blockwart, wenn wenn sie den versteckten Juden auf dem Dachboden gefunden haben. Da kommt einem noch das Frühstück gleich wieder am falschen Ende raus!

Sie ist wie alle meine Nachbarn. Sie hat resigniert, bevor sie überhaupt richtig hingesehen hat. Sie will den Stress nicht. Nicht in der Gemeinde, beim Wocheneinkauf oder beim Reitunterricht.

Es soll tatsächlich auch Leute geben, die erst mal richtig hinsehen, bevor sie das Leben anderer Menschen zerstören. Kaum zu glauben, aber gibt es. Allein dieser Gedanke muss die Autorin zur Weißglut treiben. Und das sei ihr von Herzen gegönnt.

Wie meine Bekannte im Park. Wie die Eltern aus Prenzlauer Berg, die ihre Kinder wegen der guten Luft morgens hier hochfahren.

Na, ob die ihren Nachwuchs wegen der guten Luft dort in Sicherheit bringen? Ist ja nicht so, dass dem Prenzlauer Berg Grünanlagen, Schulen und halbwegs atembare Atmosphäre komplett fremd wären. Dort ist es den Öko-SUV-Fahrern wohl nicht hip genug, wenn sie sich täglich den Stress einer Kinderlandverschickung machen, um die Edelsprösslinge innerhalb der Reichshauptstadt zu evakuieren? Quasi mitten ins Herz der Finsternis. Was spräche beispielsweise gegen Friedrichshain-Kreuzberg?

Im örtlichen Fußballverein sieht es anders aus. Da hat eine befreundete Familie aus dem Iran ihre Kinder nach ein paar Wochen wieder abgemeldet. Angeblich zu viel Aufwand durch Auswärtsspiele am Wochenende. »Ja, das Klientel. Die Eltern am Spielfeldrand«, bekomme ich nach mehrmaligem Nachfragen zu hören. Man ahnt es.

Da fragt man sich natürlich schon, welcher Klientel sie da begegnet sein mag. Immerhin haben zwei Drittel der Bürger dort nicht AfD gewählt. Ich würde wahrscheinlich auch irgendeine Hypothese abnicken, wenn ich von einer hasszerfressenen Bessermenschin mit Suggestivfragen traktiert werde. Nur damit endlich Ruhe ist. Und man nicht noch versehentlich als Sympathisantin… Okay, das ist gelogen. So gutmütig bin ich dann doch nicht.

Auch ich habe meinen Sohn vor einem Jahr aus einem Kindergarten um die Ecke genommen. Derselbe Grund. Und alle halten die Klappe.

Nur, weil es wahrscheinlich etliche meiner Leser interessieren wird: Wäre es eventuell möglich, die Anschrift dieses Kindergartens zu veröffentlichen? Viele Menschen sind auf der verzweifelten Suche nach einer Betreuungsmöglichkeit, wo ihre Vorschulkinder nicht zu genderfluiden transmuslimischen Kommunistenarschlöchern umprogrammiert werden. Und da ist ja nun ein Platz frei geworden.

Der zivile Protest, der Widerstand gegen menschenverachtende Parteiprogramme und Ideologien gehören offenbar nicht zur bürgerlichen Bequemlichkeit von Blankenfelde.

Ich bin irritiert. Offenbar ist mit dem zivilen Protest alles in bester Ordnung und der (für Berliner Verhältnisse) ungewöhnlich hohe Stimmenanteil für die AfD zeigt doch überdeutlich, dass den Bürgern der Widerstand gegen menschenverachtende Parteiprogramme und Ideologien dort sehr, sehr wichtig ist. Andere Bezirke hat es hingegen schlimm getroffenen. Da wurden quer und kreuz Haken bei Rot, Grün und noch mehr Rot gesetzt — und wir wissen alle, welche Farbe bei dieser Mischung heraus kommt.

Das Idyll, die Natur, die biologisch-anthroposophische Lebensführung am Berliner Stadtrand. Da stören doch die paar Nazis nicht weiter, redet man sich hier ein. Dass mehr als jeder Dritte die AfD wählt, ignoriert man einfach.

Nur so zum Verständnis: Die einzige Person, die bisher in dieser Geschichte mit oberflächlichlichen Ressentiments auffällt, Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten verunglimpft, Kinder zu Intoleranz und Ausgrenzung erzieht, hasserfüllt in verleumderischer Art und Weise über das Innenleben ihrer Nachbarn spekuliert und ein erschreckendes Demokratieverständnis an den Tag legt — ist die Verfasserin des ZEIT-Artikels. »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« ist der Fachbegriff dafür, glaube ich. Ungefähr so:

Der Bauchinhalt der Gesellschaft bleibt im Verborgenen und suppt nur an manchen Tagen, zur Kirmes, zum Volksfest oder beim Parkbesuch, wie brauner übelriechender Schlamm an die Oberfläche.

Also ich glaube schon, dass »die paar Nazis« dort stören. Spätestens nach diesem Hetzartikel wird man in der Nachbarschaft auf der Hut sein. Es wird auch sicherlich nicht ignoriert, dass mehr als jeder Dritte die AfD gewählt hat. Es wird einfach nur dankbar und stillschweigend zur Kenntnis genommen. Wo die Alternative stark ist, zerbröselt sie regelmäßig die extremistischen Ränder beiderseits des Weges. Es gibt ansonsten nicht sonderlich viele bürgerliche Parteien, die das von sich behaupten können.

Neulich an der Bushaltestelle fiel einem älteren Herrn ein Einkaufswagenchip aus dem Portemonnaie. Schnell hob ich ihn auf, damit er sich nicht hinunterbücken musste. Beim Aufheben stellte ich fest – ein Einkaufschip mit AfD-Logo. »Oh«, sagte ich zu dem Herrn, »das können Sie natürlich nicht wissen, aber da ist ein AfD-Logo drauf. Den entsorge ich mal für Sie.« Beherzt warf ich den Chip in den öffentlichen Mülleimer neben mir. Der ältere Herr nickte nur und sagte kein Wort. War besser so.

Ja krasse Scheiße auch, das könnte glatt aus einem Tarantino-Film stammen! (Tut es vermutlich wirklich, abzüglich der Action, des Blutes und schlagfertiger Dialoge und so, aber grundsätzlich.) Toll, oder? Es gibt sie noch, die wahren Helden. Die Rächer der… hmmm… also… Jo. Von irgendwas halt.

Wie dem auch sei. Eines Tages wird sie vor ihren Schöpfer treten. Er wird ihr das übliche Antragsformular überreichen und fragen, womit sie so die ZEIT totgeschlagen hat. »Ich habe gegen die Nazis gekämpft!« — »Huiuiui! Claus, komm doch mal, die wird Dir gefallen! Der verrückte Hund wollte den Führer in die Luft sprengen, hat aber nicht geklappt. Was war’s bei Ihnen?« — »Alsooo, da war dieser gebrechliche Greis mit dem Einkaufschip…« Bevor Gott reagieren kann, greift der Stauffenberg nach einer Harfe und holt aus –

»War besser so.«

[1] https://www.zeit.de/kultur/2018–05/afd-waehler-nachbarn-berlin-blankenfelde-10nach8/komplettansicht