«

»

Ups, oder: Wenn der Schuss nach vorne losgeht.

In Zeiten, in denen die täglichen Meldungen vom »psychisch labilen Einzeltäter«, der leider mal wieder allein (oder in seiner psychisch labilen Einzelgruppe) ein unschuldiges Opfer auf haarsträubende Art und Weise zur Strecke gebracht hat, schon deprimierende Nachrichten-Routine geworden sind, ist es regelrecht wohltuend, wenn so jemand mal an den Falschen gerät. Diesen Text habe ich etwa Anfang 2017 geschrieben, aber der dort festgestellte Mangel ist gravierender denn zuvor: Deutschland hat eindeutig zu wenige Jäger!

Der hier besprochene Fall ist nicht ofenfrisch, aber immerhin noch genug 2016, um als aktuelles Beispiel herhalten zu dürfen. Es gibt nämlich Situationen, da ist sogar die deutsche Justiz machtlos. Gefühlt scheint das recht häufig der Fall zu sein. Aber eben »nicht so«. Und dabei wären hier potentiell sämtliche Zutaten für ein zünftiges Fehlurteil vorhanden gewesen. Zunächst einmal der unangenehme Teil, die Fakten:

»Jäger tötet Einbrecher per Kopfschuss — Verfahren eingestellt«
http://www.focus.de/panorama/trotz-verstoss-gegen-waffengesetz-fluechtling-bei-einbruch-erschossen-staatsanwaltschaft-stellt-verfahren-gegen-jaeger-ein_id_6411326.html

Ich nehme es gleich vorweg, falls sich noch jemand ungläubig die Augen reibt: Mir ist das selbe Missgeschick passiert (nein, hier liegt kein toter Albaner im Keller!) — ich habe mich auch gefragt, warum sich dieser mehrfach erwähnte Herr Maas so erstaunlich vernünftig äußert. 2016 war doch noch gar kein Superwahljahr. Auflösung: Sein Name ist Maas, Bernd Maas. Nicht Heiko. Und leider ist er nur Sprecher einer Provinzstaatsanwaltschaft und noch nicht Bundesjustizminister. Aber was nicht ist, kann ja noch werden! *daumendrück*

Mir ist natürlich auch klar, dass junge Menschen manchmal erstaunlich dumme Dinge tun, wenn sie ihren 18. Geburtstag feiern. Wir waren ja alle mal irgendwie 18. Einige Leute bleiben es ein Leben lang, nicht nur Frauen. Früher zumindest, so sieht es durch meine rosarote Brille aus, erschöpfte sich das Maas an Dummheiten beim Eintritt in die Erwachsenenwelt oft in so rebellischen Akten wie: Sich einen Pornofilm in der Videothek ausleihen (die gab es damals noch, also Videotheken), endlich legal und hemmungslos Alkohol missbrauchen, einen Führerschein machen… Wenn es richtig schlecht lief, wurde der frisch erworbene Führerschein unter Alkoholeinfluss eingeweiht. Im Idealfall, leider auch nicht immer, ist niemand dabei gestorben.

Im falschen Haus mit dem richtigen Tool herumfuchteln, das war jedenfalls schon damals irgendwie weniger sinnvoll und als schlechte Idee, selbst unter Drogeneinfluss und mit wenig Lebenserfahrung, zumindest erahnbar. Vielleicht tappe ich hier geistig auch nur in die Kulturfalle: Ich habe keine Ahnung, wie man in Albanien seinen Geburtstag angemessen feiert. Ehrlich nicht. Falls aber Albaner nicht generell ein deutlich entspannteres Verhältnis zu ihrem Eigentum oder ihrer Gesundheit haben, vermute ich, fällt man auch dort mit solchen Aktionen eher negativ auf. Ich unterstelle das einfach mal.

Dem jungen Mann mit dem Multikulti-Tool muss zu irgendeinem Zeitpunkt in dieser Nacht für einen sehr kurzen Moment klar geworden sein, dass auch er nicht weiß, wie man in Deutschland seinen Geburtstag feiert. Er wusste immerhin, und da lag er gar nicht so falsch, dass hierzulande überwiegend eher Kriminelle Waffen besitzen und gegen Menschen richten. Was er nicht wusste, war, dass er ausgerechnet in eines der wenigen noch nicht demokratisch abgerüsteten Häuser eingedrungen war.

Und so nahm das Unglück seinen Lauf. Der alte weiße Mann war in der Verblendung des Augenblicks der Meinung, dass er noch nicht sterben wollte. Das stand zwar für die nächsten Jahre schon auf seiner To-Do-Liste, aber eben viel weiter unten. Die unappetitlichen Resultate dieser Trotzreaktion finden sich im oben verlinkten Artikel und auf seiner Tapete. Die Rechtmäßigkeit seiner Handlung muss zum Glück nicht ich beurteilen, das haben bereits andere getan und sind zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen. Und das lautet, reichlich zynisch zusammengefasst: »Alles richtig gemacht!«

Das der Rechtsstaat da sehr genau hinschaut, wenn ein Menschenleben auf nicht natürlichem Wege endet, ist selbstverständlich richtig und gut so. Besonders wenn dabei ein anderer Mensch offensichtlich etwas nachgeholfen hat. Das ist auch in anderen Ländern so, selbst da, wo die Liebe zu Menschen und die Liebe zu Waffen mitunter in einem anderen Mischungsverhältnis zueinander stehen (das wäre einen eigenen Artikel wert und führt hier zu weit). Ich wünsche mir sogar ausdrücklich, dass der Rechtsstaat gern öfter und intensiver nachbohrt, wenn wieder mal jemand über die Klinge springt. Was sich jüngst zu häufen scheint. Und ich möchte mich daran nicht gewöhnen müssen.

Die ganze Angelegenheit hat erwartungsgemäß leider auch wieder ein typisch deutsches Geschmäckle. Wenn zum Beispiel in einem Nebenverfahren die dringliche Frage geklärt wird, warum »er die Kurzwaffe offenbar nicht sachgerecht in einem verschlossenen Waffenschrank aufbewahrt [hat], sondern nahe am Bett«. Wer schon mal versucht hat, eine Waffe im zulässigen Schrank zu reinigen, wird bemerkt haben, dass dort drin erstaunlich wenig Bewegungsfreiheit herrscht. Ob er die Waffe neben dem Bett reinigen wollte oder auf dem Küchentisch weiß ich nicht und ist auch völlig egal. Vielleicht ist hat er sie auch nur zu diesem Zweck entnommen, um sie auf dem Küchentisch zu reinigen, ist dann aber auf dem Weg dorthin auf dem Bett versehentlich eingeschlafen. Diese Frage war dann aber letztlich selbst der Staatsanwaltschaft zu blöd, dieses Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Zurück zum Wesentlichen: Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel und ob diese beachtet wurde, ist selbstredend bei solchen Ereignissen immer von entscheidender Bedeutung und wurde hier klar und richtig beantwortet. Der Kopfschuss war, auch wenn das drastisch klingt und ist, im Gesamtzusammenhang gesehen in diesem Fall eine juristisch wasserdichte Antwort. Warum dann noch erläutert werden musste, wieso es in einer ganz anderen Situation, die hier gar nicht vorlag, dann nicht ganz so »ok« gewesen wäre, bleibt erst mal offen. Meine Vermutung ist, dass diese Frage überhaupt erst von Frau Künast direkt in den Gerichtssaal getwittert wurde, die Antwort jedenfalls deutet darauf hin: Bei Tageslicht hätte der Täter »lediglich kampfunfähig« gemacht werden dürfen, beispielsweise indem man »ihm etwa in die Beine« schießt. Klingt vertraut.

Es würde zwar niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, auf die Idee kommen, dass ein Kopfschuss eine angemessene Reaktion auf die Bedrohung durch ein Multi-Tool ist, wenn es als solches erkannt wird. Aber es musste halt doch mal gesagt werden. Der Ratschlag »in die Beine« zu schießen mag juristisch und moralisch sinnvoll sein, ist aber praktisch eine fast genauso gute Idee wie gar nicht schießen. Die Körpermitte beispielsweise ist ein dankbares Ziel. Da trifft man oft irgendwas Hilfreiches, selbst wenn man verfehlt. Wer das genauer verstehen will, kann ja mal bei der örtlichen Bundeswehr nachfragen, oder bei Marc Schieferdecker, die können das besser erklären als ich.

Den meisten Deutschen wird sich diese Frage im Alltag überhaupt nicht stellen, weil sie entweder Waffen grundsätzlich ablehnen und deshalb auch nicht besitzen, oder aber nicht so gerne auf Tiere und Pappscheiben schießen wollen und ihnen daher von anderen Menschen der Waffenbesitz abgelehnt wird. Der einzig andere sinnvolle (und meines Erachtens wichtigste) »Zweck« von Waffen ist, abgesehen von Jagd und Sport, offensichtlich die Selbstverteidigung.

Zufällig ist das auch der Anwendungsfall, für den man hierzulande mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Erlaubnis zum Führen einer Schusswaffe NICHT bekommt (als »Privatmensch«, wohlgemerkt). Eher bekommt man noch eine Polizeieskorte. Meistens aber auch nicht mal diese. Besitzen geht grad noch so, wenn man einen halbwegs leidenschaftlichen Jäger oder Sportler imitieren kann. Das hilft jenen dann aber auch nur, wenn sie, wie im obigen Fall, ein Krimineller ordnungsgemäß daheim, auf dem Hochsitz oder im Schießkeller besucht. Täter brauchen zwar theoretisch auch eine Erlaubnis zum Besitzen von Waffen, von Führen ganz zu schweigen, bitten aber aus verständlichen Gründen eher selten darum und regeln den Waffenerwerb unbürokratisch.

Zeit, ein bisschen Bilanz zu ziehen. Ein junger Mann ist tot, ein alter Mann lebt. Wer von beiden in diesem konkreten Fall noch eine erfolgreiche Karriere als Intensivtäter vor sich gehabt hätte oder hat, will ich nicht beurteilen. Spielt hier auch keine Rolle, immerhin ging es um gerechtfertigte Notwehr und nicht um verurteilenswerte Selbstjustiz. Die Angehörigen des jungen Mannes werden dazu eine andere Meinung haben als die Familie des alten Mannes. Das er mit dem Ergebnis seiner Notwehr glücklich wird, auch wenn er nie gefragt wurde, ob er in diese Situation geraten möchte, ist eher nicht anzunehmen. Wahrscheinlicher ist, dass er bis ans Ende seiner Tage schweißgebadet mitten in der Nacht aufwacht und sich fragt, ob er nicht doch etwas tiefer hätte zielen sollen; oder gar nicht. Derweil fragt sich vielleicht die Familie des Albaners, wenn sie die erste Trauer überwunden hat, ob sie möglicherweise den ein oder anderen Fehler in der Erziehung gemacht hat. Die beiden hätten sich nie, nicht »dort«, und schon gar nicht »so« begegnen dürfen.

Worauf wir uns immerhin verlassen können, ist, dass deutsche Politiker weiter eifrig an der vollständigen Abrüstung des rechtschaffenen Teils ihrer Wähler arbeiten werden. Wie auch immer man zu dem Thema steht, und ich verstehe durchaus auch die Kritiker: Man sollte sich nur nicht der Illusion hingeben, dass deshalb weniger Menschen durch Waffen sterben werden. Nur halt andere. Wer mit einem kugelsicheren Gewissen besser schläft als mit dem Colt unter dem Bett soll das tun. Idealerweise in einer Gesellschaft, die ihm diese Entscheidung nicht aufdrängt. Ich wünsche mir eine Welt, in der es keine Waffen braucht. In der niemand auf die bescheuerte Idee kommt, sie auf andere Menschen zu richten. Ich wünsche mir so Vieles und bekomme es nicht.

Abschließend: Darf man dieses Thema mit Humor besprechen, ist das angemessen? Weiß ich auch nicht. Es hilft jedenfalls dabei, nicht den Verstand zu verlieren.