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Zuviel des Guten

Wer hätte gedacht, dass ich diesen Artikel einmal schreiben werde. Es ist noch gar nicht so lange her, da war der Markt für »alternative« Berichterstattung sehr übersichtlich (um es mal nett zu formulieren) und jede Veröffentlichung, jedes bisschen abweichende Meinung, jede ungefilterte Information so begehrt wie ein Tropfen Wasser in der Wüste. Was waren das für traurige und einfache Zeiten!

Gestern wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass der Stapel der gekauften, aber noch nicht gelesenen Bücher, der heruntergeladenen, aber noch nicht gehörten Podcasts, der »für später« markierten, aber noch nicht gesehenen Videos, der vorgemerkten, aber nicht abonnierten Zeitschriften, etc. etc. — kurz: dass all diese Stapel eine erstaunliche Höhe erreicht haben. Ich ertrinke regelrecht in Angeboten. Ich kann schon rein zeitlich gar nicht mehr alles davon aufnehmen, selbst wenn ich wollte.

Das ist vermutlich das erfreulichste Leiden, das mir spontan einfällt. Es zeigt, wie weit diese geistige Wende, deren Ausdruck all diese Publikationen sind, in kurzer Zeit schon vorangeschritten ist. Und immer noch treten neue Akteure auf den Plan, gefühlt sogar zunehmend mehr, Formate professionalisieren sich, mancher macht das Hobby zum Beruf. Es ist eine echte »Wende von unten«, denn die meisten dieser Aktiven waren vorher keine Journalisten, Moderatoren oder Filmschaffende. Unsere Zeit hat sie dazu getrieben.

Jetzt kommen wir zu dem Teil, der diesen Text zu einer »Ankündigung« macht: 365 Tage im Jahr Artikel zu veröffentlichen ist verdammt hart, zumal als Hobby. Da ich mich zumeist an aktuellen Nachrichten abarbeite, die nach einem halben Tag schon wieder von der nächsten Absurdität oder Schreckensmeldung übertrumpft werden, schreibe ich sehr wenig »auf Vorrat«. Das Zeug ist frisch, selten bis nie auf Hochglanz poliert und wird halt raus geballert, bevor es Staub ansetzt. Ich beklage mich nicht, ich hab’s mir so ausgesucht, aber es ist in gewisser Weise auch ein Hamsterrad. Abgesehen davon, dass der ganzwöchige Konsum von Mainstream‐Medien und Politikergeschwätz der geistigen Gesundheit wenig zuträglich ist.

Kurz gesagt, ich werde mir künftig »das Wochenende frei nehmen« (sofern dieser Ausdruck für eine Freizeitbeschäftigung überhaupt anwendbar ist). Tag für Tag für Tag zu Bloggen, zwischen Familie, Arbeit und sonstigen Aktivitäten, bedeutet bei meinem vollgestopften Kalender eben auch, dass keinerlei Zeit mehr übrig bleibt für andere Schreibprojekte, Experimente mit neuen Formaten, Zeit zur Lektüre und Reflexion, das Knüpfen neuer Kontakte und die Pflege bestehender Netzwerke. Da das ausgehend von den Zugriffszahlen die meisten Leute am Wochenende vernünftigerweise auch nicht anders handhaben, wird es vermutlich eh kaum jemandem auffallen.

Ob das so funktioniert, da die Welt sich auch an diesen zwei Tagen weiter dreht, wird sich zeigen. Ich werde sicherlich öfter aus aktuellem Anlass oder einem Bedürfnis heraus meine eigene Regel brechen, so gut kenne ich mich dann doch. Es wundere sich bitte nur niemand, wenn am Samstag oder Sonntag »Funkstille herrscht«. Alles ist in Ordnung. Im Idealfall wird sich der neue Rhythmus positiv auf diese Seite auswirken, denn ich habe hier noch einige Projekte und Ideen in der Schublade, für die bisher schlichtweg die Zeit fehlte.

Und darum sollte es ja immer gehen: Klasse statt Masse!