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2017 — Horrorjahr der Gutmenschen

»Schaut, wo sie jetzt ist. Sie ist nicht wie unsere Premierministerin. Sie hat den Mut, Trump direkt etwas entgegenzusetzen und ihm zu sagen, dass Amerika kein Freund Europas mehr ist. Was für eine außergewöhnliche Frau. Sie sagt, es gibt keine Probleme, nur ›Aufgaben‹, die gelöst werden müssen. Sie weigert sich, sich selbst als weibliche Führungspersönlichkeit zu sehen, stattdessen betrachtet sie sich lieber als eine Person in einer Gruppe politischer Führungspersonen. Dabei wird sie immer mehr eine eigene Größe. Und wenn man sie anschaut, kommt der Gedanke auf: ›Das ist der Inbegriff von stark und stabil.‹ « [1]

Diese und ähnliche realitätsinkompatible Lobeshymnen hat die WELT noch im Mai 2017 vom britischen GUARDIAN abgepinselt. Gemeint war damit nicht etwa Wonder Woman oder Superman nach erfolgreicher Geschlechtsumwandlung, sondern das fleischgewordene Grauen aus der Uckermark: Unsere Angie! So einen Artikel kann man wahrscheinlich auch nur schreiben, wenn man mit dem Namen »Adrian Arab« verflucht ist (kein Scherz). Inzwischen ist Adrian Arab vermutlich wieder in seinen alten Job am Hammeldrehfleisch zurückgekehrt und die Schlagzeilen dieser Tage klingen im selben Wurstblatt eher wie »Desaströse Werte bestätigen: Ihr Zenit ist überschritten« oder »Jeder zweite Deutsche für vorzeitigen Abgang Merkels«.

Wer stark und stabil ist, lässt sich von solch kleinlicher Miesmacherei natürlich nicht beindrucken. Da wird fix der Umhang gebügelt, noch schnell ein Löffelchen Valium eingeworfen und dann geht’s ab zur dümmlich grinsend heruntergeleierten Neujahrsansprache. »Es gibt zu viele Menschen, […] die sich fragen, wie wir die Zuwanderung in unser Land ordnen und steuern können«, meint sie. Negativ! Die Frage ist eigentlich nur noch, wie wir sie unterbinden und den ganzen kriminellen Müll von den paar genuin Schutzbedürftigen trennen und fachmännisch entsorgen. Und zwar pronto. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Viele Menschen wollen Frau Merkel auch weiterhin gern vor der Kamera sehen. Beispielsweise live bei ihrem Prozess.

Die Bundesraute erinnert in diesen Tagen nicht zufällig an den greisen Honecker, unberührt von der Realität, von der Geschichte bereits überholt, trotzig winkend und die zitternde Faust Richtung Klassenfeind und eigenem Bürger erhoben. Die kleinen Menschen »da draußen im Land« (genauer genommen da drinnen) waren gedanklich schon drei Schritte weiter. Das eigene Politbüro ebenfalls… Es wäre sicher hilfreicher gewesen, wenn den Wählern das, ich weiß nicht, sagen wir mal drei Monate früher eingefallen wäre, aber gut. Die Deutschen haben ein seltsames Faible für die Krise. Ohne Weltkrieg, Revolution oder Neuwahl machen sie es nicht. Warum auch immer.

Ja, es schaut düster aus. Und ja, jeder weitere »alternativlose« Tag in diesem strauchelnden Land ist vergeudet, weil wir seine Opfer nicht ungeschehen machen können. Aber ganz ehrlich: Noch vor Monaten habe ich das Ende der Ära Merkel in Jahren gerechnet (wie die meisten, halbe Amtszeit und so), Österreich hatte ich nach der Wahl eines grünen Bundespräsidenten abgeschrieben, Frankreich und die Niederlande haben den Absprung aus der EU verpasst. Dieses Jahr blieb nach der Amtseinführung Donald Trumps zunächst seltsam lustlos unter seinem Potential. Aber wie so oft kam alles irgendwie anders, als man denkt. Diese geistige Mauer steht keine hundert Jahre mehr. Vielleicht nicht mal hundert Tage.

Die AfD hat trotz aller Anfeindungen, Übergriffe und Behinderungen im Wahlkampf, trotz geballter Medienhetze und Petry‐Stunts unbeirrt weiter Landtag um Landtag erobert (jetzt fehlen nur noch zwei, die im nächsten Jahr gewählt werden) und schlußendlich auch einen starken Einstieg in den Bundestag geschafft. Wo sie eine überaus gute Figur macht. Dort gefährdet sie die Demokratie derart, dass inzwischen sogar vermehrt Politiker anderer Parteien persönlich im Plenum erscheinen und oft sogar dafür früh aufstehen. Da dämmert einem langsam, was der wahre Grund dafür gewesen sein könnte, dass sie die Alternative um jeden Preis verhindern wollten…

Das alles geht schon, wenn auch langsam, sehr in die richtige Richtung und es sind wichtige erste Schritte zu einer echten politischen Wende und gesellschaftlichen Neuausrichtung, wie sie Österreich aktuell in Angriff nimmt. Auf die Alpenrepublik richten sich derzeit sehr viele neidische Blicke und wenn mich mein Bauchgefühl nicht völlig täuscht, wird das positive Beispiel im Süden bald einige Begehrlichkeiten a la »das hätten wir aber auch gern« wecken. Es braucht halt neben ausreichendem Leiden auch immer eine konkrete Vision, wie ein Ausweg gestaltet werden könnte, der nicht in eine neue Sackgasse führt. Während die verkalkten Eliten in Berlin und Brüssel ihre Restenergie wie erwartet im Kampf gegen die eigenen Bürger verbrennen, blüht praktisch vor der eigenen Haustür ein weiteres zartes Pflänzchen Hoffnung.

Was mich aber insgesamt optimistisch stimmt, hat weniger mit Politik zu tun. Es ist die Tatsache, dass die Menschen beginnen, sich zu solidarisieren und ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Sei es als ehrenamtliche Wahlbeobachter, als Mitstreiter oder Förderer beim Bürgernetzwerk »Ein Prozent«, als patriotischer Betriebsrat, Bürgerjournalist oder »nur« als helfende Hand im Alltag. Viele Leute klinken sich gedanklich schon aus dem System aus und wollen nicht mehr warten, bis »die da oben« es für sie regeln. Sie schaffen lieber vollendete Tatsachen. Mein persönliches Highlight und ein Paradebeispiel dafür war die Mission »Defend Europe«.

Monate an Recherchen hatten bis zum Frühjahr ein gleichermaßen dramatisches wie entmutigendes Bild gezeichnet: Im Mittelmeer lief ein Schleppergeschäft gigantischen Ausmaßes. Dubiose, millionenschwere Nichtregierungsorganisationen (NGOs) lockten in einträchtiger Zusammenarbeit mit Schleuserbanden immer mehr Migranten ins vom Bürgerkrieg zerrüttete Libyen und in haarsträubend unzureichenden Booten aufs Meer, um sie dann »zu retten« und hunderte Kilometer nach Norden »in Sicherheit« zu bringen. Die Asylindustrie blühte und wurde so profitabel, dass sogar die italienische Mafia in dieses Geschäft einstieg. Und das alles unter mindestens wohlwollendem Wegschauen der europäischen Behörden und Regierungen. Zugleich malträtierten die Medien die Öffentlichkeit mit den immer selben Horror‐ und Heldengeschichten, Fotos von traurigen Kindern und mutigen »Rettern«.

Wenn ich dieses Bild in zwei Worten umschreiben müsste, dann wären es wohl: Ohnmächtige Wut. Was kann man gegen eine Armada von Schiffen, die tausende Euro Betriebskosten pro Tag verursachen, gegen ein Heer von Schreiberlingen und »Aktivisten«, gegen organisierte Kriminelle, gut geölte NGOs mit tausenden von Mitarbeitern, etc. — was kann man dagegen schon ausrichten? Scheinbar nichts. Das ist nicht drei Nummern, nicht dreißig, das ist tausend Nummern zu groß. Und dann »passierte« das Unvorstellbare: Jemand tat etwas dagegen. Die Idee für »Defend Europe« war geboren. Martin Sellner und die IB haben mit dieser offensichtlich unlösbaren Aufgabe alles auf eine Karte und aufs Spiel gesetzt, ihre Reputation, ihre Finanzen, ihr Leben.

Und es hat funktioniert. Die zentrale Mittelmeerroute wurde nachhaltig gestört und hat sich bis heute nicht davon erholt. Der »gute Ruf« vieler beteiligter NGOs ist angemessen im Eimer, ihre Spendengelder sind im großen Stil ausgeblieben, Regierungen wurden zum Handeln genötigt, der unsichtbare Gegner hinter den Kulissen wurde aus der Deckung gezwungen und ihm wurde die Maske vom Gesicht gerissen. Ein einziges Schiff hat das bewirkt. Es hat die ganze Welt genötigt, genau hinzuschauen, ob sie wollte oder nicht. Auch wenn sich die Migrationsrouten verlagern, die Ankunfts‐ und Todeszahlen sind dramatisch eingebrochen. Ich will nicht die ganze Geschichte wiederkäuen, viele haben es »live« verfolgt.

Was ich aus diesem fiebrigen Sommer zwischen Hoffen und Bangen mitgenommen habe, war ein ungekanntes Maß an Solidarität. Die Leuten waren ganz elektrisiert von dieser Idee, jeder wollte etwas beisteuern, Geld, ein Boot, Berufserfahrung, Logistik, Recherchen, irgendwas. Plötzlich haben sich unscheinbare Bürger für Seekarten und elektronische Ortungssysteme interessiert. Alle hatten das Gefühl, ein Teil der Mission zu sein, haben mit »unseren Jungs da draußen« gelitten, wenn ihnen wieder ein neuer Stein in den Weg gerollt wurde (und es waren viele), und sie haben mit ihren gefeiert, wenn sie wieder einmal eine scheinbar aussichtlose Lage mit Witz und Frechheit gemeistert hatten…

Dieses Gefühl ist immer noch da. Ich trage es wie eine Flamme der Hoffnung vor mir her und hüte es gut. Ab und an kommt ein resignierter Zeitgenosse daher und möchte sich nicht daran wärmen, sondern das flackernde Flämmchen auspusten. Es ist ja sowieso alles verloren und vorbei, wir können nichts tun, dies und das, schlechtes Wetter, blah blah… Manchmal höre ich diese Stimme auch in meinem Kopf. Doch dann fällt mir wieder ein, was für ein beschissenes Jahr 2017 eigentlich für Gutmenschen war. Das muss der blanke Horror sein: Trump im Weißen Haus, die AfD im Bundestag, »Pulse of Europe« hat sich klammheimlich die Adern aufgeschnitten, der Schulz‐Zug ist entgleist, Staat für Staat schert aus der Brüsseler Marschkolonne aus und »macht blau«. Ich könnte ewig so weiter machen.

Hach ja, es war nicht alles schlecht.
Wirklich nicht.

Freust Du Dich schon auf mich, 2018? 🙂

[1] https://www.welt.de/politik/deutschland/article165022036/Was-fuer-eine-aussergewoehnliche-Frau-Lobeshymne-auf-Merkel.html