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Ich hatte einen Traum

Nein, ich bin nicht als Martin Luther King reinkarniert. Zu solch phantastischen Höchstleistungen ist mein Gehirn nicht mal im Schlaf fähig… Aber mal ohne Scheiß: Ich hatte wirklich einen Traum. Und ich bin ganz selig daraus erwacht (normalerweise erwache ich nur aus Alpträumen, leider). Da es lange »vor dem Wecker« war, hatte ich alle Muße der Welt, diesen Zustand zu genießen. Wer schon mal lächelnd erwacht ist, kann das vielleicht irgendwie nachfühlen. Was war passiert?

Ganz einfach: Wir haben gewonnen. Wie genau und wann genau, weiß ich leider nicht. Ich war schon etwas fortgeschrittener ergraut (also vermutlich nicht nächsten Monat) und befand mich in geselliger, lockerer Runde mit einigen Gesichtern, die ihr vermutlich kennt (und einigen, die ihr sicher nicht kennt), wir haben gegessen, getrunken, gelacht und uns über alte Zeiten unterhalten. Niemand hat es ausgesprochen, da es ohnehin selbstverständlich war und alle wussten: Es war die Zeit »nach der Reconquista«.

Kein Einzelfall, kein Anschlag, nur eine aktuelle Meldung, dass Heiko Maas das Land verlassen hat (vermutlich nach Verbüßung seiner Haftstrafe). Im Fernsehen lief nebenher ein kitschiger Mehrteiler über den heroischen politischen Kampf der IB und wir haben darüber gewitzelt, dass sich das ZDF wohl nie ändern würde. Zumindest hatten sie die Hauptrolle mit einem unverschämt charmanten Jungschauspieler besetzt. Ich muss zugeben, dass mir an dieser Stelle Zweifel kamen, ob das vielleicht alles nur ein Traum sein könnte. Eine Zukunft mit ZDF konnte ich mir bisher nie vorstellen.

Die Stimmung war gelöst, niemand hat sich über das übliche Dutzend irrwitziger Nachrichten des Tages aufgeregt. Es gab schlichtweg keine. »Wir« hatten unseren Kontinent gerettet, vielleicht sogar die gesamte westliche Welt und den Rest versehentlich gleich mit. Viele Kinder waren mit im Raum, aber die spielten nur unbeschwert und beachteten wenig das »Weißt du noch, damals…« der Erwachsenen; für sie waren das nur Schauermärchen aus einer düsteren und chaotisch Zeit, die wir ihnen ersparen konnten.

Nach dem Treffen sind wir draußen ein paar Jugendlichen begegnet, schwarz gekleidet (manche Dinge ändern sich wohl nie, besonders Klischees), sie heckten offensichtlich etwas aus und versuchten noch verschämt, hastig das selbstgemalte Banner zu verbergen, dass sie irgendwo aufhängen wollten. Wofür, wogegen — keine Ahnung, worüber sich Jugendliche in der Zukunft aufregen. Irgendwas ist halt immer. Wir warfen uns gegenseitig vielsagende Blicke zu und zwinkerten den Aktivisten grinsend zu. So jung müsste man noch mal sein…

An dieser Stelle bin ich leider aufgewacht. Fragt mich jetzt bitte nicht, wer Kanzler geworden ist, ich weiß es nicht. Ist im Grunde auch egal. Offensichtlich war es eine Zeit, in der es die Gesellschaft geschafft hat, sich über ein paar wesentliche Grundsätze zu einigen. In der es wieder Freiräume gibt für unterschiedliche Standpunkte, in der Meinung, auch (und vor allem!) »abweichende« Meinung nicht mit Angst, sondern primär mit Freiheit assoziiert wird.

Wie dem auch sei…

Es war nur ein Traum. Auch wenn heute für mich einer der wichtigeren Feiertage des Jahres beginnt und die Rückkehr des Lichts begrüßt, würde ich da nicht unbedingt eine religiöse oder esoterische Botschaft hineindeuten. Ich bin keine Prophetin, ich schreib’ hier nur! Aber es hat sich so real angefühlt und tut es immer noch. Das kann mir heute keiner vermiesen. Und morgen auch nicht. Oder übermorgen. Es ist die Zukunft, die ich mitzugestalten gedenke und jetzt, wo ich sie gesehen habe: koste es, was es wolle. Mit euch an meiner Seite wird dieser Traum wahr.

Habt keine Angst, alles wird gut.
Fröhliches Jul, meine Lieben!