«

»

Leipzig (wo sonst): Wer hat auf die Steine geniest?

Immer, wenn mir nichts Gescheites einfällt, schaue ich mal bei der Leipziger Volkszeitung vorbei. Pardon, dem »Printerzeugnis für alle Leipziger_innen, die hier leben«. Das ist zwar für die geistige Gesundheit nicht zuträglich, funktioniert aber recht zuverlässig. Diese Mischung aus grotesker Ausgangslage, nicht gestellten Fragen und falschen Antworten darauf könnte ich mir unmöglich ausdenken.

Beispielsweise das da, und hier bringe ich mal, ungern, aber doch, ein längeres Vollzitat der ersten Artikelhälfte, damit der Kontext verständlicher wird. Das birgt zwar auch schon ein wenig humoristisches Potential, bereitet jedoch nur die Bühne für das darauf folgende, eigentliche Absurditäten-Feuerwerk:

»Der Prozess um die linksextremen Krawalle am 15. Januar 2015 geht in die nächste Runde. Nach LVZ-Informationen haben sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung Berufung gegen das Urteil des Amtsgerichts eingelegt.

Angeklagt ist Johann G. (24) wegen schweren Landfriedensbruchs und versuchter gefährlicher Körperverletzung. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft soll der Student an jenem Tag bei Angriffen auf zumindest zwei Objekte nachweislich beteiligt gewesen sein: Am Amtsgericht in der Bernhard-Göring-Straße, wo 40 Scheiben zerstört wurden, sowie an einem Friseursalon am Dittrichring, der von einem AfD-Funktionär betrieben wird, wo alle vier Schaufenster eingeworfen wurden. Die Beweise der Anklagebehörde: An beiden Tatorten wurden Steine gesichert, an denen sich DNA-Spuren des Angeklagten befanden. Johann G. bestritt jedoch die Tatvorwürfe vor Gericht und behauptete, lediglich auf die Steine geniest zu haben, als er die Demo-Teilnehmer als Unbeteiligter beobachtete.

Das Amtsgericht war von dieser Version nicht überzeugt und sprach den mutmaßlichen Steinewerfer wegen des Tatvorwurfs des Landfriedensbruchs in einem besonders schweren Fall schuldig. Er wurde zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt, wovon allerdings vier Monate wegen überlanger Verfahrensdauer als vollstreckt gelten. Zudem floss in das Urteil eine Vorstrafe ein. Der gebürtige Hallenser sitzt derzeit wegen gefährlicher Körperverletzung hinter Gittern.

Nicht erwiesen werden konnte aus Sicht des Amtsgerichts der Tatbestand der versuchten gefährlichen Körperverletzung. Dies hatte die Staatsanwaltschaft neben Landfriedensbruch ebenfalls angeklagt und auch entsprechend eine längere Haftdauer gefordert, nämlich insgesamt drei Jahre.

Die Behörde legte nach Informationen des Gerichts ebenso Berufung ein wie auch die Verteidigung. Somit wird der Fall nun am Landgericht neu aufgerollt. Wann der Prozess stattfindet, ist allerdings noch offen.« [1]

Wo ist nun das Problem? Das Kind wird beim Namen genannt, die Justiz greift hart durch und die Presse berichtet neutral darüber. Den Eindruck kann man haben. Hätte sie an dieser Stelle den Artikel beendet. Hat sie aber nicht:

»Es handelt sich um das bislang einzige Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit dem massiven Ausschreitungen am 15. Januar 2015. Und allzu viele folgen auch nicht mehr: Lediglich ein weiterer mutmaßlicher Steinewerfer (26) wurde von der Staatsanwaltschaft wegen schweren Landfriedensbruchs angeklagt. Die übrigen Ermittlungsverfahren sind alle eingestellt worden.«

Zwei Verfahren. Von zweihundert möglichen. Wobei eines der beiden vermutlich auch noch eingestellt wird, da der junge Mann möglicherweise ein Bio-Leipziger ist. Damit entfällt die potentielle Deutungsmöglichkeit des »zugereisten« Extremisten. Und wahrscheinlich hat er auch nicht auf die Steine geniest. Es steigert sich langsam:

»Dabei konnte die Polizei unmittelbar nach den Krawallen rund 200 Demoteilnehmer festsetzen. Straftaten ließen sich ihnen nach Angaben der Staatsanwaltschaft aber nicht nachweisen. Den eigentlichen Gewalttätern sei, so die Behörde, überwiegend die Flucht gelungen.«

Praktisch, oder? Da legt sich die Staatsanwaltschaft so dermaßen ins Zeug, und dann eine solch magere Ausbeute. Aber komplettes Desinteresse kann man ihr nun immerhin nicht mehr vorwerfen. Woher sie weiß, dass »den eigentlichen« Gewalttätern »überwiegend« die Flucht gelungen ist? Gute Frage, nicht wahr? Und nun folgt der Höhepunkt dieser Show:

»Als Anlass für die Krawall-Demo, bei der mehrere Hundert Linksextremisten durch Leipzig gezogen waren und Gerichtsgebäude, Banken sowie Geschäfte angegriffen hatten, musste der vermeintlich rassistische Mord an dem 20-jährigen Asylbewerber Khaled I. in Dresden herhalten. Wie sich später herausstellte, war der Eritreer von einem Landsmann erstochen worden.«

Dazu fällt mir nichts mehr ein…

[1] http://www.lvz.de/Leipzig/Polizeiticker/Polizeiticker-Leipzig/Prozess-um-linksextreme-Krawalle-in-Leipzig-geht-in-neue-Runde