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Es geht um mein Existenzrecht

Spürt ihr das, Freunde? Vorfreude liegt in der Luft an diesem milden Samstag‐Vorabend der Schicksalswahl. Morgen können wir alle was Schönes in die Urne werfen und — mit etwas Glück — den ersten größeren Meilenstein Richtung 2021 eintüten. Wir holen uns unser Land zurück. Stück für Stück für Stück, genau so, wie sie es uns weggenommen haben. Aber, damit dieser Abend nicht zu entspannt wird, hat sich wohl die ZEIT gedacht, sie scheißt mir einfach noch mal kurzfristig auf den Teppich. Mit einem schönen Artikel namens »Es geht um mein Existenzrecht«. [1] Gut. Um meins auch. Reden wir mal drüber…

Mit der Alternative für Deutschland könnte erstmals eine extrem rechte Partei in den Bundestag ziehen. Für viele Minderheiten ist das eine angsteinflößende Vorstellung. Von Vanessa Vu

Gesundheit! Nein, mal im Ernst: Es wird ja nicht richtiger, wenn man das nur oft genug wiederholt. Die AfD ist weder eine extrem rechte, noch eine rechtsextreme Partei. Und sie wird es auch nicht dadurch werden, dass eine extrem linke ZEITung dies behauptet. Falsch bleibt falsch bleibt falsch. Warum das nicht nur dumm, sondern auch gefährlich ist, sehen wir später noch.

Noch hört Jona in der Bahn nur »hässliche Sprüche«. Sollte die AfD in ihrem Erfolg bestätigt werden, fürchtet die Transperson Übergriffe.

Schöne Bildunterschrift. Wenn Jona in dieser komplett leeren Bahn Stimmen hört, sollte es vielleicht mal zum Gagga‐Doktor gehen. Übrigens, da fehlt das Sternchen an der »Transperson« (ist das tatsächlich ein Wort?). Das ist diskriminierend. Hat zwar mit dem Thema nichts zu tun, aber das hat dieser Text mit der AfD ja auch nicht. Das ist nun schon mindestens der zweite gute Grund, wirklich mal den Gagga‐Doktor zu besuchen. Der kann was gegen irrationale Ängste verschreiben. Ernsthaft.

Minh Thu Tran war 13 Jahre alt, als sie mit einem Kumpel durchs Dorf spazierte und über Politik sprach. »Wenn nochmal eine rechtsextreme Partei ins Parlament zieht, dann wander ich aus«, sagte der Freund im Scherz. Sie stimmte zu.

Das kann tatsächlich nur ein Scherz gewesen sein. Nicht, dass es mich wirklich interessiert, aber welche rechtextreme Partei hat denn 2002 im Parlament gesessen? Zwischen 1990 und 2002 waren folgende Parteien im Bundestag vertreten: Linke (PDS), Grüne (Bü90), SPD, CDU/CSU, FDP. Welche davon war es? Na? Soll ich mir eine aussuchen?

Beide waren Kinder vietnamesischer Gastarbeiter: zu jung, um sich ein solches Szenario im Detail vorzustellen, aber alt genug, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was es heißt, in einem Land unerwünscht zu sein. Heute, 15 Jahre später, denkt sie oft an den Satz zurück.

Okay, die beiden Knirpse müssten jetzt ungefähr 28 Jahre alt sein. Und sind immer noch so verpeilt wie in der Pubertät. Was haben die in den letzten 13 Jahren gemacht? Früher hat man in der Schule… ach egal.

Wenn etwa der AfD‐Spitzenkandidat bekannt gibt, die Integrationsbeauftrage gehöre nach Anatolien »entsorgt«, oder wenn er die NS‐Vergangenheit relativiert. Und wenn sie die Balken der Wahlumfragen sieht.

Ächz. Schon mal was von Kontext gehört? Das ist so ein komisches Ding, in dem Worte urplötzlich einen Sinn bekommen. Die Islamisierungsbeauftragte ist wahrscheinlich wirklich besser in Anatolien aufgehoben. Das ist keine Diskriminierung, es bezieht sich auf eine ganz konkrete Person aus ganz spezifischen Gründen. Beispielsweise weil sie scheiße ist. Ich würde die Kanzlerin am besten auch gleich dort entsorgen wollen. Auf den NS‐Quatsch gehe ich nicht ein, das ist mir zu blöd.

Was, wenn die Wahlergebnisse die Brust hasserfüllter Menschen weiter anschwellen lassen?

Na, ich glaube, denen schwillt wohl eher der Kamm. Die hyperventilieren ja vor der Wahl schon in einem besorgniserregenden Ausmaß. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Heiko Maas deshalb einfach so Vietnamesen verprügelt. Wer würde auch auf so eine bekloppte Idee kommen?

Werden sie sich ermutigt fühlen, noch mehr gegen Menschen im Internet und auf der Straße zu hetzen und sie zu jagen?

Okay, ich hätte nicht fragen sollen…

»Als asiatisch‐deutsche Frau hab ich richtig Angst vor dem Wahlergebnis«, sagt Tran. »Für viele mag das übertrieben klingen, aber damals hatte auch keiner gedacht, dass die Stimmung gegen Minderheiten so schnell kippen könnte.«

Was zum… Was hat das mit der AfD zu tun? Und überhaupt, Kein Mensch hat ein Problem mit Asiaten. Warum sich also vordrängeln? Als was auch immer -deutsche Frau sollte sie sich besser mal Gedanken machen, was passiert, wenn wir die Islamisierung nicht gestoppt bekommen. Anschauungsbeispiele dafür gibt es in Asien reichlich.

Stimmen wie ihre hört man diese Tage oft, wenn man denn zuhört: abends beim Bier, am Rande politischer oder kultureller Veranstaltungen, im Sportverein, in Familien. Offen wollen die wenigsten sprechen, denn zusätzlich zur Angst vor Übergriffen kommt die Angst, mit der eigenen Geschichte nicht ernst genommen und als hysterisch abgestempelt zu werden.

Das mit dem Stimmenhören scheint in diesem Umfeld irgendwie häufiger aufzutreten. Oh, und übrigens: Diese Angst ist begründet. Es klingt tatsächlich hysterisch. Aber man kann trotzdem darüber reden. Man sollte sogar darüber reden. Ganz besonders außerhalb der linksgrünen Filterblase. Ein Gespräch mit migrationshintergründigen AfD‐Mitgliedern und -Funktionären beispielsweise wäre geeignet, solch merkwürdige Assoziationen zu entkräften und Ängste zu lindern. Einfach mal probieren. Bringt mehr, als sich von einer Aushilfstippse für ihren Wahlkampf instrumentalisieren zu lassen.

Auch viele Deutsche besinnen sich gerade auf ihre Geschichte. Im Wahl‐O‐Mat werden sie gefragt, ob der Völkermord an den europäischen Juden »weiterhin zentraler Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur« sein soll, und in den sozialen Medien gehen Videos mit Holocaust‐Überlebenden wie Ágnes Heller viral.

Und? Die AfD hat diese schwachsinnige Frage nicht in den Wahl‐o‐Mat eingegeben. Das war die Bundeszentrale für politische Bildung! Aus dem AfD‐Programm hat sie es jedenfalls nicht. Selbstverständlich ist und bleibt der Holocaust ein zentraler Bestandteil der deutschen und europäischen Erinnerungskultur. Ob wir wollen oder nicht. Genau wie die ganze andere Scheiße, die hier so im Laufe der Jahrhunderte passiert ist. Es sind in dieser langen Zeit aber auch viele gute Sachen passiert, die EBENFALLS Teil unserer Geschichte sind. Nicht mehr und nicht weniger.

Geschichte wiederhole sich nicht, sagt Heller im Monitor‐Interview, aber »man kann immer neue Tragödien erfinden«, und die größte Gefahr sei Gleichgültigkeit. Zum ersten Mal, dieser Satz kursiert auch in vielen Kommentaren, könnte seit 1945 wieder eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag ziehen.

Welche rechtspopulistische Partei hat denn vor 1945 im Bundestag gesessen? So langsam bekomme ich einen Knoten im Hirn…

Der Schreck jener, die in ihrem Leben Diskriminierung am eigenen Körper erfahren haben, ist aber häufig ein anderer. Da sind Menschen wie Stéphane, die bei jedem Bild brennender Asylbewerberheime an ihre Kindheit im Asylbewerberheim zurückdenkt. Oder Nine, die als Kind von Jugendlichen mit einer Schneeschaufel verprügelt wurde, während diese »Heil Hitler« und »Ausländer raus« riefen – und deren Chef sie »Japse« nennt.

Puh, das ist ja ein schöner Informationseintopf. Seit der Kindheit von Stéphane und Nine hat sich viel verändert. Beispielsweise zünden heutzutage die Asylbewerber ihre Heime meist selbst an und Schneeschaufeln gibt es wegen dem Klimawandel auch kaum noch. Ich wette, viele Kinder habe noch nie eine in echt gesehen. Tatsächlich haben übrigens viele Europäer Schwierigkeiten, die verschiedenen ostasiatischen… Moment, was hat das mit der AfD zu tun? Ist ihr Chef bei der AfD? Ich verstehe den Zusammenhang nicht.

Oder die Transperson Jona*, die sich weder als Mann noch als Frau identifiziert, und die sagt, dass es ihr bei der Wahl nicht abstrakt darum gehe, ob sich die Parteienlandschaft verschiebe, »sondern um mein Existenzrecht«.

Und da ist auch Jona Sternchen wieder. Beim ersten Lesen habe ich tatsächlich unter dem Artikel nach dem Hinweis »(*) der Name wurde von der Redaktion geändert« gesucht. Aber Pustekuchen. Sie heißt scheinbar wirklich so. Mit Sternchen am Schwanz. Würde mich mal interessieren, ob das auch so im Ausweis steht. Diese Transpiration hat jedenfalls Angst, dass sie aufhört zu existieren, sollte die AfD mit 15% im Bundestag einziehen. Darauf muss man erst mal kommen.

Noch rufen ihr die Leute in der Bahn nur hässliche Kommentare hinterher, der Schritt zu eingeworfenen Fensterscheiben mit Regenbogenfahnen oder gar Prügelattacken sei aber nicht weit, sagt Jona*. Allein die Grenzen des Sagbaren hätten sich binnen kürzester Zeit verschoben.

Ah, verstehe. Darum geht es: Das ist gar kein Sternchen, das ist eine Schneeflocke. Eine ganz besondere Schneeflocke. In der Tat haben sich die Grenzen des Sagbaren (und leider auch Machbaren) in letzter Zeit ganz unerfreulich verschoben. Eins auf die Fresse oder die Scheiben eingeschmissen gibt’s aber auch mit Geschlecht und ohne Regenbogenfahne. Willkommen im Club! Unnütz zu fragen, aber: Das hat was genau mit der AfD zu tun?

Menschen, die von solchen Sorgen sprechen, sind womöglich eine Minderheit innerhalb einer Minderheit.

Vielleicht sind sie sogar eine Minderheit innerhalb einer Minderheit innerhalb einer Minderheit. Eine Minoritätsmatroschka sozusagen. Immerhin scheint es möglich zu sein, immer wieder ein paar davon mit der Lupe zu (er)finden.

Manchen Einwanderern sind die Wahlen auch gleichgültig, andere sind selbst streng konservativ und lehnen mehr Einwanderung ab. Überhaupt müssen Identitätsmerkmale nichts bedeuten: Die AfD‐Spitzenkandidatin Alice Weidel ist homosexuell.

Na endlich. Alice Weidel hat tatsächlich mit der AfD zu tun!

Sie lebt in einer eingetragenen Partnerschaft mit einer Frau aus Sri Lanka, gemeinsam ziehen sie zwei Söhne groß. Ihre Partei steht aber für ein Programm, das den Begriff Familie ausschließlich für Gemeinschaften aus »Vater, Mutter und Kindern« akzeptiert.

Ich vermute, das bezieht sich auf Punkt 7.8 aus dem Wahlprogramm: »Die AfD will, dass sich die Familienpolitik des Bundes und der Länder am Bild der Familie aus Vater, Mutter und Kindern orientiert. Wir lehnen alle Versuche ab, den Sinn des Wortes ›Familie‹ in Art. 6 Abs. 1 Grundgesetz auf andere Gemeinschaften auszudehnen und der Familie auf diesem Wege den besonderen staatlichen Schutz zu entziehen.«

Das halte ich tatsächlich ebenfalls für eine unglückliche und missverständliche Formulierung, auch wenn ich den Sinn dahinter verstehe. Rein praktisch ist das auch eine Familie. Aber rechtlich nicht. Die Ehe (zwischen Mann und Frau) und steht ja nicht zum Spaß unter einem besonderen Schutz und wird vom Staat gefördert. Sie bringt unsere Nachkommen hervor. Und zwar nur sie. Dafür müssen sich zwei Menschen vorher auf ein möglichst unterschiedliches Geschlecht einigen. Dann klappt das auch mit dem Storch. Und das wird belohnt.

Zugegeben, ein kniffliges Thema, selbst wenn man das Idealbild von »Vater, Mutter, Kind« bevorzugt. Ein bisschen komplizierter ist das Leben heutzutage allerdings schon, selbst bei »nur« Heteros. Dazu lohnt sich vielleicht mal ein eigenständiger Artikel, zurück zum Mumpitz:

Gegenargumente dieser Art machen das für viele Menschen geschaffene Klima der Bedrohung aber nicht ungeschehen. Angst hat schließlich, wer etwas zu verlieren hat. Gerade deshalb sind gewisse Sorgen ein Gradmesser für den Anspruch einer offenen, vielfältigen Gesellschaft an sich selbst. Der befürchtete Backlash, eine gesellschaftliche Rückentwicklung, ist zudem nicht völlig abwegig.

Doch, eigentlich schon. Das ist abwegig. Wer verliert denn jetzt etwas, das er vorher besessen hat? Und was bedeutet Rückentwicklung? Wohin überhaupt? Mit viel Glück und viel Mühe bekommen wir die Gesellschaft in den nächsten Jahren wieder etwas in die Mitte zurück gerückt. Und das ist schon die optimistische Variante. Gelingt dies nicht, wird aus der vielfältigen Gesellschaft endgültig eine einfältige. Und dann können sich ethnische und religiöse Minderheiten, Frauen, Homosexuelle und Schneeflöckchen ganz warm anziehen. Der Muezzin ruft für die nicht viel Gutes vom Minarett herab!

»Wir müssen gar nicht spekulieren, wie sich die Situation in Deutschland entwickeln wird«, sagt die Künstlerin Diana Arce. »Nach der Wahl von Trump und der Entscheidung zum Brexit haben wir gesehen, was mit Leuten passiert ist, die nicht weiß sind.« Sie spielt auf die Übergriffe von Rechtsradikalen in den USA und in Großbritannien an.

Merkwürdiges Beispiel, wirklich. Vor allem haben seither die Übergriffe auf WEISSE zugenommen. Durch Linksradikale und Nicht‐Weiße. Das ist in der Tat kein schöner Anblick. Das hat allerdings nichts mit der AfD zu tun.

Die Afroamerikanerin hat Wurzeln in der dominikanischen Republik, seit 13 Jahren lebt sie in Deutschland. Dort erlebe sie zunehmend Feindseligkeiten, zuletzt vergangene Woche in Berlin, als sie sich mit einem Freund am U‐Bahn‐Gleis auf Englisch unterhielt.

Vielleicht war der gar nicht xenophob, sondern anglophob…

»Aus dem Nichts kam ein Mann auf mich zu. Er rief, dass wir ja nicht glauben sollen, dass er uns nicht verstünde. Dabei sprachen wir gar nicht über ihn«, erzählt sie aufgebracht. Der Mann sei daraufhin lauter geworden und habe seine Hemdärmel aufgeknöpft, als würde er gleich zuschlagen wollen. Vielleicht war er ein Rassist, vielleicht ein Irrer, vielleicht nur völlig betrunken – in dem Moment zählen solche Unterscheidungen ohnehin nicht mehr viel.

Nicht? Nun gut, vielleicht im Ergebnis nicht, das mag sein. Es wäre mir allerdings erst hinterher egal, nachdem ich ihn zusammengefaltet habe. Vorher macht diese Klassifizierung schon Sinn. Die Antwort auf die Frage beispielsweise, ob er nur dumm oder auch besoffen ist, kann durchaus hilfreich sein. Oh, und übrigens, war er zufällig AfD‐Mitglied?

Arce weiß nur, dass sie häufiger als ihre weißen Freunde von solchen Vorfällen betroffen ist, und hat deshalb Strategien entwickelt, um aus solchen Situationen herauszukommen.

Auch hier wieder: »Willkommen im Club.« Was die Häufigkeit von Übergriffen von wem auf wen auch immer betrifft, hat diese Feststellung leider keine statistische Relevanz. Das hängt von den Umständen ab, von der Gegend, etc. Fakt ist: Ja, dieses Land hat sich nicht zum Besseren verändert. Daran ist allerdings (Überraschung!) auch nicht die AfD schuld. Die ist doch noch gar nicht im Bundestag!

»Ich habe getan, was ich in solchen Fällen immer tue: Ich habe mich ihm in den Weg gestellt.« Sie habe die Erfahrung gemacht, dass das naheliegende Gegenteil, nämlich Ausweichen oder Fliehen, Angreifer nur noch mehr anstachelt. »Dann folgen sie einem«, sagt sie. Ihre Taktik ging auf, er ging weg. »Aber ich hatte schreckliche Angst. Er war so groß und ich bin nur eine kleine Frau«, sagt sie.

Wie, ich dachte, alle Menschen sind gleich? Sorry, musste sein… Tja, Angst schärft die Sinne. Keine schlechte Taktik übrigens, wenn ich das lobend anfügen darf. Leider hat diese geistige Klarheit nicht lange angehalten:

Die Nacht darauf konnte Arce nicht schlafen. Sie wälzte sich rastlos im Bett, immer diese Szene im Kopf. Überhaupt schlafe sie gerade wenig. In ihrer alten Heimat hat Donald Trump es an die Macht geschafft, nun befindet sich in ihrer neuen Heimat eine rechte Partei auf dem Vormarsch. »Da kommt alles wieder hoch. Nur laufen sie hier wenigstens nicht mit Gewehren rum.«

Mich macht das immer traurig, Amerikanern beim Verblöden zuzuschauen. Das ergibt keinen Sinn. Was hat das mit Trump oder der AfD zu tun? Ja, es gibt nur etwas, das gegen einen bösen Menschen mit einer Waffe hilft: Ein guter Mensch mit einer Waffe. Da wäre vielleicht der Zusammenhang zur AfD. Aber so hat sie das ja nicht gemeint. Sie meinte es eher wie… wie… hm… ah, vielleicht wie diese Polizisten, die gezielt von schwarzen Heckenschützen ermordet wurden, nachdem sie »Black Lives Matter« dazu angestachelt hat?

Dann folgt ein längerer, wirrer Absatz mit Zahlen, dessen Lektüre ich nach »Geschlechtsidentität« abgebrochen habe… Irgendwas mit USA und Großbritannien. Dort tritt die AfD ohnehin nicht an, ist also irrelevant.

Kommt es zu solchen Szenen auch in Deutschland, wenn die rechte AfD in den Bundestag einzieht? Dass dies in dem Umfang wie in den USA und Großbritannien passiert, ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.

Stimmt. Ist nicht ausgeschlossen. Und dass die Welt doch noch von diesem Planeten gerammt wird, bevor ich den Artikel fertig getippt habe, ist auch nicht ausgeschlossen. Ich rechne nicht wirklich damit, aber man weiß ja nie.

Allerdings spielt das für viele Betroffene auch keine große Rolle. Mit welcher Wahrscheinlichkeit sie Opfer werden, ist ihnen egal. Allein, dass sie es werden könnten, macht ihnen zu schaffen. Das Bedrohungsgefühl und die damit einhergehende Unsicherheit sind für sie echt – genauso wie die tatsächlich registrierten Vorfälle.

Klingt vertraut, oder?

Seit Jahren nehmen in Deutschland Straftaten mit politischem Hintergrund zu, verantwortlich sind meist rechtsradikale Täter. 2016 erreichte laut Innenminister de Maizière die Zahl rechts motivierter Delikte zum vierten Mal in Folge einen Höchststand: Die Kriminalstatistik zählt 23.500 Delikte, das entspricht einem Anstieg von 2,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Vorläufige Zahlen für 2017 zeigen, dass keine Entspannung zu erwarten ist.

Die sind nur deshalb »meist« dafür verantwortlich, weil im rechtsradikalen Bereich so genannte Gesinnungsdelikte überproportional vertreten sind. Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Volksverhetzung, etc. Beispiel: Ein Türke im roten T‐Shirt mit Hammer und Sichel drauf pöbelt einen Deutschen an, von wegen »Köterrasse« und so. Oder: Ein Deutscher im roten T‐Shirt mit Hakenkreuz drauf pöbelt einen Türken an, von wegen »Ziegenficker« und so. Wer von den beiden geht in die Kriminalstatistik ein?

Ganz ehrlich: Das ist beides Müll. Es zeigt die Schwachstellen der derzeitigen Gesetzgebung auf und den offensichtlichen Nachbesserungsbedarf. Da wird die AfD sicherlich viel Gutes bewirken können (oder es zumindest versuchen). Allein schon aus dem Grund, da sie selbst ungewöhnlich häufig Opfer von »Straftaten mit politischem Hintergrund« wird.

Dabei dürften die Zahlen des Innenministeriums auch nur einen Teil dessen beleuchten, was tatsächlich geschieht.

Das stimmt. Siehe oben.

Im Juni 2016 veröffentlichte Amnesty International einen Bericht zu Rassismus in Deutschland. Darin wirft die Menschenrechtsorganisation den deutschen Behörden vor, Hasskriminalität nur unzureichend zu erfassen und Opfer rassistischer Gewalt im Stich zu lassen.

Stimmt. Auch wenn man den schwachsinnigen Bericht von Amnesty (unter dem Motto »wer suchet, der findet«) mal beiseite lässt. Ober besonders dann. Die Opfer solcher Kriminalität sind zunehmend Deutsche. Das zu erfassen würde dem Satz »Wir schaffen das« ein unnötiges »vielleicht doch nicht« hinzufügen, weshalb man tunlichst die Statistik nicht damit behelligt.

So habe die Polizei seit 2001 zwar ein System zur Erfassung politisch motivierter Kriminalität (PMK), doch nur wenige Fälle würden als solche klassifiziert. Das könne einerseits an Kommunikationsproblemen zwischen den Behördenebenen liegen, andererseits an mangelnder Sensibilisierung für das Thema.

Innere Sicherheit ist übrigens ein AfD‐Kernthema. Nur mal so am Rande erwähnt. Im Bundestag ist sie bisher nicht vertreten. Sie hat diesen Mist nicht verbockt. Sie hat auch nicht die Polizei kaputt gespart oder hunderttausende potentielle Straftäter unkontrolliert einreisen lassen.

Laut einem Bericht werden viele Opfer nicht ernst genommen und mit ihren Anzeigen abgewiesen, oder ihre Fälle werden nur nachlässig ermittelt und nicht an entsprechende Spezialstellen weitergeleitet. Dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt, ist wahrscheinlich.

Laut welchem Bericht?

Vor diesem Hintergrund empfinden nicht alle Menschen mit Diskriminierungserfahrung eine starke AfD im Bundestag als Zäsur. Der Student Kofi, selbst schwarz, berichtet, dass die Menschen in seinem Umfeld zwar der Wahl nervös entgegensehen. Die Positionen der AfD empfindet er aber nicht als neu.

Klingt doch vernünftig. Vielleicht sollte er in die AfD eintreten. Da wäre er auch nicht der einzige Schwarze. Auch die Feststellung, dass viele Positionen der AfD gar nicht neu sind, ist absolut zutreffend. Was heute als »radikal« verunglimpft wird, war vor 20 Jahren noch gesellschaftlicher Mainstream und politische Realität. Fühlt sich schon richtig unwirklich an…

Beunruhigender findet er, dass immer wieder rechte Terrorzellen samt Waffenlager und Listen mit den Namen politischer Gegner aufgedeckt würden. Nicht selten seien die potenziellen Terroristen selbst Polizisten oder Soldaten.

Wie oft passiert denn sowas?

Kofi glaubt deswegen, dass sich Betroffene organisieren müssen, um sich zu verteidigen, »weil das sonst keiner macht«. Viele seiner Freunde machen inzwischen Kampfsport, um sowohl geistig als auch körperlich besser aus schwierigen Situationen herauszukommen.

Doch, ich glaube, der würde sich in der AfD wohlfühlen. Und er kann von Glück reden, dass er schwarz ist. Ich wage mir nicht auszumalen, was die Verfasserin des ZEIT‐Artikels geschrieben hätte, wenn das aus dem Munde eines Weißen gekommen wäre. Da hätten wir ganz schnell Worte wie »Bürgerwehr« gehört.

»Man erwartet halt weniger vom Staat, weil im Grunde jeder von uns Racial Profiling erlebt hat und von der Polizei oft genug schikaniert wurde«, sagt er.

Ich nehm’s zurück, er passt doch nicht zur AfD. Mein Gott. Wenn ich als Weiße in Afrika in einem Land unterwegs bin, in dem andere Weiße überproportional zur Kriminalstatistik beitragen, dann ist es weder »Schikane« noch »Racial Profiling«, öfter als Schwarze kontrolliert zu werden. Das nennt sich gesunder Menschenverstand. Die Polizei hat keine Zeit für so einen Quatsch, sie kann nicht ALLE gleichmäßig kontrollieren, nur damit sich keiner benachteiligt fühlt. Mir ist ein Rechtsstaat lieber als ein Gefühlsstaat.

»Und ich weiß, dass es relativ unwahrscheinlich ist, dass jemand sich dazwischen stellt.« Bei dem Sport geht es Kofi aber nicht nur um Selbstverteidigung, sondern auch um Freiheit und Selbstbewusstsein. »Es geht darum, sich bewegen zu können und sich nicht fertigmachen zu lassen.«

Gute Einstellung, ehrlich! Freiheit. Recht. Hat mit der AfD zu tun!

Am Ende, da sind sich viele einig, sei die Aussicht auf eine starke AfD bedrückend, aber nicht hoffnungslos.

Das nennt man Projektion. Wenn man seine eigene Erwartungshaltung auf andere überträgt. Ich kenne beispielsweise viele, die einer starken AfD erleichtert und hoffnungsvoll entgegenblicken. Nach 27 Jahren ohne echte Opposition im Bundestag ist diese Vorstellung wie Regen in der Wüste.

Manche waren schon lange vor der Wahl politisch gegen Diskriminierung aktiv und werden sich weiter engagieren. Andere haben im Wahlkampf damit begonnen. Wieder andere suchen sich im Privaten Strategien, um mit der möglicherweise zunehmenden Hetze und Gewalt umzugehen.

Äh, Moment. Ist das jetzt für oder gegen die AfD gemeint?

Sie alle werden am Sonntag auf die Wahlergebnisse blicken und hoffen, dass ihre Kollegen und Nachbarn doch noch ein starkes Zeichen für sie setzen. Denn:

Ich ahne Schlimmes…

Nicht alle Betroffenen dürfen wählen. Darauf machen unter anderem Münchner Aktionsgruppen um das Wohn‐ und Kulturzentrum Bellevue di Monaco aufmerksam. Dort können Flüchtlinge, Menschen mit Behinderung und andere Nichtwahlberechtigte eine Wahlempfehlung abgeben. Unentschlossene Wähler können diese Empfehlungen aus einer Box ziehen und auf diese Weise den Stimmlosen ihre Stimme geben. Die Aktionsformen gegen Rechtspopulismus sind so vielfältig wie nie.

Daran wird der Bundeswahlleiter seine helle Freude habe. Für die einen ist es eine »Aktionsform«, für die anderen eine Straftat. Das ist doch der gleiche Schwachsinn wie dieses hirnrissige »Satire«-Projekt »VoteBuddy«. Da lohnt sich auf jeden Fall eine Anzeige. Nur zur Sicherheit.

Minh Thu Tran, die als Kind mit einem Freund übers Auswandern sprach, hat sich dem Projekt Denkende Gesellschaft angeschlossen.

Und da wurde sie noch nicht ausgeschlossen? Mich würden mal die Kriterien für die Mitgliedschaft in diesem Verein interessieren…

Mit Freunden fuhr sie durch Dörfer in Sachsen‐Anhalt und sprach mit politikverdrossenen Menschen über ihre Werte.

Das find’ ich cool. Ehrlich. Mich nerven Nichtwähler.

Damals, mit 13, wollte sie im Falle eines Rechtsruck noch irgendwo hingehen, wo die Gefahr nicht so groß sei, dass einem nur wegen der Hautfarbe etwas passiere. »Heute würde ich nicht mehr auswandern«, sagt sie. »Ich wüsste nicht wohin. Deutschland ist meine Heimat.«

Siehst Du, Minh Thu Tran, das geht mir auch so. Ungarn wäre vielleicht eine Möglichkeit zum Auswandern, aber wie lange wird Ungarn standhalten, wenn Europa fällt? Ich spreche nicht mal Ungarisch. Das ist der Grund, warum ich AfD wähle. Es geht um mein Existenzrecht.

[1] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017–09/diskriminierung-angst-afd-bundestagswahl-rassismus-sexismus/komplettansicht