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Wie man zu dem wird, was man eigentlich bekämpfen wollte.

Die Überschrift ist, gebe ich zu, nicht perfekt gewählt. Das Wie ist gar nicht die spannende Frage und leicht erklärt: Menschen sind eben so. Erlangen sie (politische) Macht, werden sie ihr um ihrer selbst willen verfallen und sie um jeden Preis behalten wollen. Macht korrumpiert, das ist keine neue Erkenntnis. Nur, was lernen wir daraus? Lernen wir überhaupt etwas daraus? Scheinbar nicht.

Die mit der Macht einhergehende, relative Konsequenzlosigkeit des eigenen Handels ist geeignet, mühelos tausende Jahre von Kultur und Zivilisation innerhalb kürzester Zeit auszulöschen. Und was auch immer die hehren Ziele gewesen sein mögen, die Motivation und Legitimation zur Eroberung dieser Macht waren — sie werden ihr als leere Floskeln dienstbar untergeordnet. Ein abschreckendes, zugleich aktuelles wie zeitloses Beispiel:

»Die Parolen der Spruchbände ›Auf die Straße!‹, ›Wir sind das Volk‹ und ›Keine Gewalt!‹ gelten heute ebenso wie vor 25 Jahren. Die erste ungehinderte Montagsdemonstration in Leipzig hat das Tor zur Friedlichen Revolution weit aufgestoßen. Freiheit, Emanzipation und Selbstbestimmung waren die Themen im Herbst 1989 und es sind die Themen im Herbst 2014. […] Bündnis 90/Die Grünen streiten dafür, dass alle Menschen den gleichen universellen Anspruch darauf haben, nicht von Despoten beherrscht zu werden, ihre Meinung frei zu äußern und ihre Persönlichkeit frei zu entfalten.« [1]

Katrin Göring‐Eckardt im Herbst 2014. Vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, glaubt sie das sogar selbst. Sie bezieht es ja auch gar nicht auf Deutschland, natürlich nicht, sondern auf »anderswo«. Überall dort, wo die Menschen noch nicht in einem linksgrünen Paradies leben dürfen. Hier und heute allerdings hat es keine 25 Jahre gebraucht, um wieder am selben Punkt anzukommen wie ’89:

Staatlich sanktionierte Gewalt gegen Oppositionelle, Unterdrückung freier Meinungsäußerung und die erbarmungslose Zusammenfaltung allzu freier Persönlichkeiten. Mittendrin statt nur dabei, oder besser gesagt unantastbar darüber schwebend, Frau Göring‐Eckardt, die gebündelten Grünen und sonstige prominente Genossen der gefühlten Einheitspartei. Welch’ Ironie!

Gewiss, es gibt keine Mauer und keinen Schießbefehl, es gibt reichlich Bananen und der Käfig ist diesmal golden für die meisten (wenn auch nicht alle) Menschen. Die Mittel der Unterdrückung sind nun oft (wenn auch nicht immer) durchaus subtiler. Der Klassenfeind heißt heute Populist, aus dem großen Bruder wurde Big Brother, ausländische Provokateure hat man zu russischen Hackern umgeschult, für den Hobbyspitzel gibt es praktische Melden‐Buttons und der »Schwarze Kanal« kommt ganz unschuldig als »ARD‐Faktenerfinder« daher.

»Dafür sind wir ’89 nicht auf die Straße gegangen!«, ist ein ein Satz, den man dieser Tage wieder häufig hört. Besonders von so garstigen Ossis, die tatsächlich auf die Straße gegangen sind. Wie beispielsweise Katrin Göring‐Eckardt (bevor ihr das Schicksal ein paar Schuhe vor die Tür gestellt hat, die drei Nummern zu groß für sie sind). Wer das Volk ist und in seinem Namen die Stimme erheben darf, entscheidet allerdings immer noch die Partei. Sonst könnte ja jeder kommen, der hier grad zufällig wohnt. Wobei…

Jedenfalls, es kommt demnächst eine Generation ins wahlfähige Alter, die von Geburt an keine andere Staatsratsv… äh, Kanzlerin, als Angela Honecker. Merkel. Erich Merkel… Egal, der springende Punkt ist: Das ist nicht normal. In einer Demokratie sollte der mehr oder weniger natürliche Tod nicht die häufigste Ursache für einen Amtswechsel sein. Frau Göring‐Eckardt könnte das wissen. Herr Merkel auch. Was heißt könnte. Die wissen es, sind jetzt dummerweise aber das Problem. Und, mal so als Bastel‐Anleitung für Wessis, die es schlichtweg nicht wissen können:

Wenn man seinen Kindern einschärft »Das darfst du aber nicht in der Schule sagen!« — das ist auch nicht normal. Wer jetzt denkt: »Aber meine Kinder würden doch nie etwas sagen, das…« Genau. Das ist erst recht nicht normal. Wer wissen will, warum, schicke mal gezielt die Plagen mit dem Auftrag los, nur so zum Spaß, im Staatsbürgerkunde… Ethik… Religion… im wie auch immer der heute heißt — Unterricht »MultiKulti« zu kritisieren oder den menschengemachten Klimawandel anzuzweifeln. Egal was, Hauptsache kontrovers. Und auf die Frage, wo sie sowas gehört hätten, zu antworten: »Zu Hause!«

Die ganz hart Gesottenen können sich, unabhängig von ihrer tatsächlichen Überzeugung, auch mal testhalber mit einem AfD‐Plakat einen Nachmittag in die Fußgängerzone stellen. Nur mal so als Experiment um zu gucken, was dann passiert…

Wahrlich, für diese Scheiße ist keiner auf die Straße gegangen. Wozu der ganze Aufwand, wenn man sich jetzt wieder fragen muss, welche unangenehmen Folgen bereits eine »unangemessene« Äußerung für die berufliche Karriere, die gesellschaftliche Stellung oder gar das leibliche Wohlbefinden haben könnte? Darauf darf es nur eine Antwort geben: »Keine!« Alle anderen Antworten sind falsch. Genau das ist die Lehre aus ’89.

Und sie wurde nicht gelernt. Deshalb werden wir uns 2019 wieder fragen müssen, ob wir von der Demonstration heil nach Hause kommen. Oder ob wir nach Hause kommen. Und wenn ja, wann. Das kann es ja wohl nicht sein! Übrigens, auch wenn die Feststellung eingangs etwas deprimierend klang: Zwangsläufig ist dieses permanente Scheitern nicht, es gibt durchaus integere Menschen (sogar wenn sie in die Politik gehen) und auf den Rest müssen wir verdammt gut aufpassen:

Auch aus Katrin Göring‐Eckardt hätte etwas Anständiges werden können. Beispielsweise Vera Lengsfeld. [2]

[1] https://www.gruene-bundestag.de/presse/pressemitteilungen/2014/oktober/die-forderungen-aus-dem-herbst-1989-sind-universell.html
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Vera_Lengsfeld