«

»

Nachgedacht: Was machen wir nur mit Dir, Afrika?

Eine Milliarde Menschen heute, zwei Milliarden in 30 Jahren und bis zur Jahrhundertwende werden es vier Milliarden sein. Der Kontinent, der es sich am wenigsten leisten kann, explodiert sprichwörtlich vor unseren Augen und fliegt uns dabei um die Ohren. Einige provokante Thesen, was man dagegen tun (oder unterlassen) könnte.

Elfenbeinturm vs. Festung Europa

Vorab dies: Ich werde hier keine Wohlfühl‐Vorschläge à la »Wäre es nicht schön, wenn alle Menschen…?« präsentieren. Ja, wäre es. Es wäre auch schön, wenn wir noch zwei oder drei Planeten zusätzlich auf Lager hätten, um darauf Reservate für pinke Einhörner zu errichten! Haben wir aber nicht. Und das wird auf unabsehbare Zeit auch so bleiben.

Es ist wenig hilfreich (und zutiefst zynisch), über eine möglichst »humanitäre« Verwaltung und Verteilung des Elends oder gar ein utopisches Schlaraffenland zu philosophieren, nur weil das im Augenblick bequemer ist und netter aussieht. Dafür sind andere zuständig. Und die werden dafür absurder Weise auch noch gefeiert und gefördert.

Als negatives Paradebeispiel für diesen Typus Mensch kann sicher unsere kinderlose Kanzlerin mit dem süffisanten Spitznamen »Mutti« dienen. Ihr ist völlig schnuppe, was in hundert Jahren wird — sie ist dann schlichtweg nicht mehr da und ihr nicht vorhandener Nachwuchs muss es logischerweise auch nicht ausbaden. Meiner schon. Und Deiner auch!

Es könnte so einfach sein

Bisher klang die Erzählung so: Wenn Gesellschaften einen gewissenen Lebensstandard (und somit soziale Absicherung) erreichen, geht binnen weniger Generationen die Geburtenrate deutlich zurück, wird irgendwann gar leicht rückläufig. Es fehlt dann schlichtweg die Motivation, möglichst viele Kinder als »Alterssicherung« zu produzieren. Zumal, wenn die meisten dieser Kinder u.a. aufgrund besserer medizinischer Versorgung das Erwachsenenalter erreichen und die elterlichen Gene weitergeben. Das stimmt. Aber:

Die Sache hat einige Haken

Es braucht dafür eben mehrere Generationen Zeit. Würde jetzt sofort auf magische Weise der Wohlstand in Afrika flächendeckend auf europäisches Niveau angehoben, würde sich (erfahrungsgemäß) die Reproduktionsrate freiwillig und frühestens in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts auf einem vernünftigen Niveau einpendeln. »Vernünftig« meint in diesem Zusammenhang: Die dann mehr als drei Milliarden Afrikaner würden sich zumindest nicht weiter exponentiell vermehren.

Das wären dann allerdings drei Milliarden Menschen mit einem konstanten Ressourcenverbrauch auf Industriestaaten‐Niveau (man könnte es auch »ökologischen Fußabdruck« nennen, das verstehen Grüne besser, ist aber im Grunde nur ein anderer ideologischer Blickwinkel). Drei Milliarden Afrikaner in klimatisierten Häusern und mit Zweitwagen in der Garage, die Popcorn fressend Netflix auf den Plasma‐Großbild‐TV streamen, per Flugzeug in den Urlaub jetten, während sie nebenher Soziologie und Politikwissenschaften studieren — das wird nicht funktionieren.

China ist kein Erfolgsmodell

China hat es versucht. China hat durch rigorose »Ein‐Kind‐Politik« und enorme wirtschaftliche Entwicklung seine Bevölkerungsexplosion gebremst und bei ca. einer Milliarde Menschen gestoppt (okay, das ist jetzt fahrlässig abgerundet, aber sogleich leichter zu handhaben). Afrika ist flächenmäßig dreimal so groß wie China, in obigem Szenario also mit künftig drei Milliarden Einwohnern rechnerisch vergleichbar. Nur: China kann seine Bevölkerung mit dem vorhandenen Boden nicht ernähren! Es erschließt dafür exterritorial gigantische Flächen Ackerlandes. Beispielsweise in Afrika. Wo soll Afrika das dann tun? In China?

Es gibt schlichtweg keine Vierte Welt, auf deren Kosten die derzeit »Dritte« expandieren könnte. Die aufstrebenden »Schwellenländer« wie China oder Indien verschlingen in atemberaubendem Tempo die noch verbliebenen Reserven an Fläche und Rohstoffen. Afrika kann auch nicht, wie einst Europa, seinen Überschuss frustrierter junger Männer in eine vermeintlich »leere« und »unzivilisierte« Welt exportieren, auf dass sie dort blühende neue Paradiese, eine Art Vereinigte Staaten von Wakanda errichten. Was, zugegeben, wohl nicht nur am fehlenden Raum scheitern dürfte.

Prinzip Hoffnung

Im Grunde lief es bisher darauf hinaus: Ungefähr 60 Jahre »Entwicklungshilfe« zementierten das Elend nicht nur, sie vervielfältigten es auch noch. Irrwitzige Summen Geldes gutgläubiger Menschen versickerten in den Taschen dubioser NGOs und korrupter Regime, während weniger gutgläubige und mehr pragmatisch veranlagte Menschen diesen Schönheitsfehler durch »Hilfe vor Ort« kaschierten.

Sie brachten Nahrung und Medizin zu jenen, bei denen das Geld nicht ankam, mit dem sie sich diese hätten kaufen (und perspektivisch selbst herstellen) sollen. Mit dem Ergebnis, dass es jetzt viel mehr von externer Hilfe abhängige Menschen gibt. Mittlerweile bringen sie sogar schon die potentiellen Empfänger zur Nahrung, zur Medizin und zum üppigen Geld. Kurz: Zu uns. In der seltsamen Hoffnung, dass sich dieses hartnäckige Problem zumindest vor der eigenen Haustür irgendwie von selbst in Wohlgefallen auflöst.

Mit den bekannten Folgen für unsere Gesellschaft und auch für Afrika. Inzwischen übersteigt die Summe der von Migranten »nach Hause« überwiesenen Gelder jene klassischer, staatlicher Entwicklungshilfe um ein Vielfaches. [1] Wer denkt, dass dadurch die Motivation sinkt, mehr Kinder zu bekommen, um zumindest einige von ihnen irgendwo in reicheren Staaten als eine Art Überweisungs‐Anker zu platzieren, der wurde vermutlich mit einem extra staubigen Klammerbeutel gepudert.

Welche Alternativen gibt es?

Zunächst: Afrika ist kein homogenes Gebilde. Zwischen den Maghreb‐Staaten im Norden und Südafrika am Kap liegen Welten. Wüsten, Urwälder, Savannen, aber auch kulturell, wirtschaftlich, religiös, geschichtlich und überhaupt. Manche Staaten entwickeln sich ökonomisch ganz gut, beispielsweise Nigeria, während ihnen andere im freien Fall entgegen kommen (wie Südafrika, vor Jahrzehnten noch eines der reichsten Länder der Welt). Es gibt folglich auch nicht die Lösung, keine universelle Schablone für alle (»gescheiterten«) Länder der Region.

Dass es nicht wie bisher weiter gehen kann, ist offensichtlich. Aber wie dann? In zahllosen Gesprächen und Diskussionen diesseits und jenseits des Mittelmeers konnte ich im Wesentlichen zwei unversöhnliche Positionen ausmachen. Vereinfacht gesagt:

A: »Afrika sich selbst überlassen!« — Niemand mischt sich mehr von außen dort ein, zum Guten oder zum Schlechten.

B: »Afrika an die Hand nehmen!« — Im Grunde die geordnete Abwicklung der Kolonialfolgen bei temporärer Aufgabe der Souveränität. Ich weiß, klingt gewagt.

Interessanterweise fanden sich für beide Varianten sowohl afrikanische als auch europäische Fürsprecher. Das hat mich fast mehr überrascht, als die Gründe, warum die einen als auch die anderen für die jeweilige Idee begeisterungsfähig waren.

Afrika seinem Schicksal überlassen!

Der Logik folgend, dass wir es ja auch nicht so gerne sehen würden, wenn sich der Kongo in der Eiffel militärisch, wirtschaftlich oder politisch engagierte und die deutsche Lokalpolitik aufmischte, müsste man die Afrikaner eigentlich »ihr Ding« machen lassen. Was bei den einen patriotisch motiviert ist, stellt sich für die anderen eher hemdsärmelig (und selten in dieser Deutlichkeit ausgesprochen) dar:

Im Sinne einer reinigenden Katastrophe, bei der sich alle solange die Rübe eindreschen, während Hunger und Seuchen den Rest besorgen, bis sich das Problem sozusagen nach dem Darwin’schen Ausschlussverfahren von selbst wegoptimiert. Das klingt ebenso zynisch wie pragmatisch. Möglicherweise ist es auch der schnellste Weg, wie wir, ohne uns selbst die Finger schmutzig zu machen, zu einer nachhaltigen Lösung kommen. Nur: Ist Europa tapfer genug, diese »unschönen Bilder« auszuhalten?

Oder zeitweilige Re‐Kolonialisierung?

In völligem Kontrast dazu steht der zweite Denkansatz: Wir müssen uns überdurchschnittlich einmischen! Da »wir« (die ehemaligen europäischen Kolonialmächte) den Kontinent recht großzügig in Rechtecke und andere unübliche Grenzverläufe zerschnippelt haben, sollten wir das gefälligst auch wieder aufräumen. Komplett dumm ist diese Idee nicht. Immerhin haben die ehemaligen Besitzer recht schnell »hingeworfen«, als die Afrikaner sich lieber selbst regieren wollten (obwohl sie jenseits ihrer zerstörten, traditionellen Lebensweise noch nicht soweit waren).

Wie das funktionieren könnte, selbst wenn sich alle Beteiligten einig wären, dass dies nur eine zeitlich befristete Übergangslösung darstellt, die in wirtschaftlich und politisch stabilen, souveränen Staaten enden soll — ist mir allerdings schleierhaft. Die Kosten ließen sich durch lokale Rohstoffe decken (die dann allerdings dort fehlten), aber das klingt verdächtig nach einem zumindest jahrzehntelangen Engagement inmitten von Kriegs‐ und Bürgerkriegswirren.

Das würde ich jetzt auch unheimlich ungern der Tagesschau erklären müssen. Zumal wir dabei unweigerlich den oben schon erwähnten Chinesen in die Quere kämen. Was, wenn man nur lange genug angestrengt darüber nachdenkt, irgendwie zu der Idee führt, dass die eigentlich…

Es muss doch anders gehen

Okay, aber wie? Die privaten Akteure (NGOs) müssen aus der Gleichung entfernt werden, das steht außer Frage; sie verschlimmbessern seit Jahrzehnten die Situation. Staatliche Hilfen würde ich, ginge es nach mir, spätestens nach dem zweiten Kind nur noch unter der Bedingung einer Sterilisation verteilen. Klingt krass; aber in 80 Jahren vier Milliarden Menschen auf einem Kontinent, der nicht mal eine Milliarde ernähren kann — das klingt auch nicht viel »unkrasser«!

Insbesondere im Gesamtkontext betrachtet: Nachhaltig, also in einer Form, dass dieser Planet auf längere Sicht noch als solcher erkenn‐ und bewohnbar bleibt, beläuft sich die verträgliche Population auf ca. 500 Millionen Menschen. Je nachdem, wen man fragt. Mit viel Phantasie wird auch eine Milliarde funktionieren. Global. Also nicht, dass mir einer unterstellt, ich würde gezielt Afrikaner dezimieren wollen: Wir sind alle zu viel.

Und nun?

Tja. Was immer wir machen: Aussitzen können wir das Problem jedenfalls nicht. Dazu fehlen uns Zeit und Ressourcen. Egal, was Europa gedenkt zu tun, zu unterlassen oder anders zu handhaben: Es muss zunächst einmal sein eigenes Schicksal wieder in die Hand nehmen. Bis dahin sind all diese Überlegungen das Papier nicht wert, auf dem sie nicht gedruckt wurden. Ihr wisst, was ich meine. Noch schlimmer als ein Afrika wären zwei.

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/hoeher-als-entwicklungshilfe-migranten-ueberweisen-17–7-milliarden-aus-deutschland-15668700.html