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Das Gute liegt so nah

Während die ganze Republik gebannt auf das melodramatische Kasperletheater in Berlin starrt, präsentieren uns die Propaganda‐Azubis von Web.de bei dem Versuch, eine Nebelkerze der Extraklasse zu zünden, die Lösung all unserer Probleme! Das war so sicher nicht beabsichtigt.

Wir sind doch nicht blöd!

Oder vielleicht doch? In den letzten Tagen habe ich mit Verblüffung registriert, wie sich sogar einige (mitunter recht intelligente) Menschen in meinem weiteren Umfeld von einer Art Horst‐Hysterie mitreißen ließen. Tenor: Dem Seehofer wüchsen endlich Eier, er stürze Merkel und rette nebenbei noch das Abendland. Grundgütiger! Ich kann ja die Verzweiflung nachfühlen, die einen auch nach dem mickrigsten Strohhälmchen greifen lässt, aber bitte: Das wächst einem im Alter bestimmt nicht mehr! Vera Lengsfeld hat es bereits messerscharf analysiert, daher verweise ich an dieser Stelle auf ihren Artikel. [1]

Niemand will nach Schland

Das gesagt, kommen wir zum eigentlichen Thema. Ganz ohne Fake‐News geht es bei den Mainstream‐Medien natürlich nicht: »In Deutschland hielten sich nach den neuen UNHCR‐Zahlen im vergangenen Jahr 970.400 Flüchtlinge auf.« [2] Seltsam, oder? Plötzlich sind wir trotz zu geringer Geburtenrate, (deutscher) Netto‐Abwanderung und kaum messbarer Abschiebungen von Asylmissbrauchenden »irgendwie« über zwei Millionen mehr geworden. Obwohl es hier so gut wie keine Flüchtlinge gibt. Ein Wunder ist geschehen!

Natürlich nicht. Jeder, der in den vergangenen drei Jahren nicht im Koma lag, kann angesichts dieser Zahl nur entgeistert mit dem Kopf schütteln. Realistisch betrachtet dürften es eher 2,5 Millionen sein (ohne Familiennachzug). So ganz genau weiß es tatsächlich niemand. Aber was soll uns diese Zahl nun sagen? »Deutschland stand damit hinter der Türkei, Pakistan, Uganda, dem Libanon und dem Iran an sechster Stelle der Zufluchtsländer.«

Darum geht es im Kern: Alle anderen tun mehr als diese hartherzigen Deutschen! UNHCR‐Chef Filippo Grandi setzt noch einen obendrauf: Ziel der Mehrheit der geflüchteten Menschen sei gar nicht der Westen. »Manche Leute glauben, die Flüchtlingskrise sei eine Krise in den reichen Ländern. Das ist nicht der Fall.« Wir bilden uns das also nur ein. Und die Wenigen, die auf dem Weg nach Uganda unglücklicherweise in »Dschörmenie« stranden, haben sich halt irgendwie verlaufen. Passiert. Diese Fluchtrouten sind auch verdammt schlecht ausgeschildert.

So gelingt Integration!

Als positive Beispiele dürfen dann Pakistan und das bereits erwähnte Wunschziel Uganda herhalten. Und, ich gebe es zu, da kann man tatsächlich noch etwas lernen. Es ist allerdings nicht die Lektion, die Web.de für uns vorgesehen hatte. Da bin ich mir ziemlich sicher. Fangen wir mal mit Pakistan an:

»Es war nicht so, dass es damals eine große Willkommenskultur gegeben hätte«, erfahren wir. »Doch ein anderer Umstand kam den Flüchtlingen zugute: der traditionelle paschtunische Ehrenkodex. Sowohl aus ›muslimisch‐islamischer Verbundenheit‹ wie auch wegen der überlieferten Überzeugung, dass man Verfolgten Hilfe und Gastfreundschaft gewähren müsse, bekamen die [aus dem Nachbarland, Anm. Sina] geflohenen Afghanen Hilfe und Solidarität.« Das ist es, was uns Kartoffeln fehlt. Der traditionelle paschtunische Ehrenkodex und »muslimisch‐islamische« (?!) Verbundenheit.

Besser noch: Die Westverwandtschaft hat sich auch gleich nützlich gemacht, den Fachkräftemangel beseitigt und dieses staubige Land in den erlauchten Kreis der führenden Industrienationen gefegt: »Die Flüchtlinge seien für Pakistan mittlerweile wirtschaftlich von großer Bedeutung: Viele sind Teppichhändler, Restaurantbetreiber oder Transportunternehmer geworden, anderen werden ›als billige Arbeitskräfte gebraucht, von denen viele Betriebe profitieren‹.« Seien wir ehrlich: Zwischen all unseren Dönerläden ist noch reichlich Platz für ein paar Teppichhändler, oder?

Vom Vorzeigeland Uganda lernen

»Das ostafrikanische Uganda liegt auf dem dritten Platz der Länder, die weltweit die meisten Flüchtlinge aufgenommen haben. Die 35 Millionen Ugander beherbergen etwa 1,3 Millionen Menschen vor allem aus dem Südsudan«, lesen wir. Abermals also primär Flüchtlinge aus einem unmittelbaren Nachbarland. »Während Deutschland eines der reichsten Länder der Welt ist, ist Uganda arm.« Aber, Glück im Unglück: »Nur eines hat Uganda reichlich: brachliegendes Land. Und das verteilt die Regierung großzügig an die Flüchtlinge.«

Zurecht wird Unganda daher weltweit für seine Flüchtlingspolitik gelobt. Oder, um es mit den umständlichen Worten von Ulrike Krause, ihres Zeichens Professorin am Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht der Ruhr Universität Bochum, zu formulieren: »Uganda verknüpft Flüchtlingsschutz mit nachhaltiger Entwicklungspolitik und verbessert dabei die Situation der Flüchtlinge nachhaltig.« Hat sie schon erwähnt, dass es nachhaltig ist? Egal, die Sache hat natürlich einen Haken:

»Jeder Flüchtling erhält großzügig Land zum Wohnen und zur landwirtschaftlichen Nutzung. Doch die Regierung zwingt so auch Menschen mit ganz anderer Herkunft dazu, Bauern zu werden. Außerdem sind die zugewiesenen Böden karg. ›Die Erträge reichen nicht aus, um die Familien zu ernähren, die Flüchtlinge brauchen deshalb zusätzlich Unterstützung durch die internationalen Hilfsorganisationen‹.« Und wer diese letztlich finanziert, kann sich jeder selbst ausrechnen. Die Türkei, Pakistan, Uganda, Libanon und der Iran jedenfalls nicht.

Fassen wir mal zusammen

Ja, es kann funktionieren, eine größere Anzahl Flüchtlinge aufzunehmen. Deutschland hat das schon früher bewältigt, beispielsweise die vielen Ost‐Vertriebenen nach dem Krieg, zahllose DDR‐ und andere »Ostblock«-Bürger, oder — sogar ohne Sprachkenntnisse — Hugenotten aus Frankreich. Es kann auch, zu einem deutlich kleineren Teil, funktionieren, wenn die kulturellen Unterschiede sehr groß sind. Sofern Erwartungshaltung und »Anpassungsdruck« in der Aufnahmegesellschaft groß genug sind.

Das ist keine Frage des Geldes. Niemand musste diesen Leuten erklären, wie man sich die Schnürsenkel zubindet, dass man Fastenbrecher nicht enthauptet und warum man vorher fragt, bevor man alles fickt, was nicht bei Drei auf dem Baum ist. Sie wussten es. Oder sie haben es sehr schnell gelernt. Das ist eigentlich nicht so schwer zu verstehen. Nun, außer man ist Professorin am Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht der Ruhr Universität Bochum:

Das Experiment

»Dass die Flüchtlingspolitik in Deutschland ein so heftig umstrittenes Thema ist, kann Ulrike Krause ›einfach nicht nachvollziehen.‹ Sie habe, beteuert die Wissenschaftlerin, ›in den vielen Jahren in Uganda ganz wenige wirkliche Konflikte mitbekommen‹.«

Kein Wunder. Die Konflikte sind ja jetzt auch bei uns! Aber ich will mal nicht so sein. Um der Ulrike beim Verständnis etwas auf die Sprünge zu helfen, habe ich da ein kleines Experiment vorbereitet. Keine Ahnung, ob sie das überlebt, aber für die Wissenschaft bin ich bereit, dieses Risiko einzugehen. Tun wir mal für den Versuchsaufbau so, als wäre Deutschland dünn besiedelt.

Ulrike wird also vor dem BAMF der nächstbesten Gruppe junger Ärzte, Ingenieure und Raketenwissenschaftler ein paar Schaufeln in die Hand drücken und deren Asylantrag mit folgenden Worten umstandslos bewilligen: »Hier ist euer karges Stück Land, mehr gibt’s nicht. Viel Erfolg und gutes Gelingen!« Deal?

[1] http://www.achgut.com/artikel/wir_sind_doch_nicht_bloed
[2] https://web.de/magazine/politik/westen-laender-fluechtlinge-33017364