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Prost: Auf ein langes und freudloses (Ab-)Leben!

»Suchtexperten fordern höhere Preise für Alkohol in Deutschland«, trötet freudig erregt der SPIEGEL [1] und ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Das, was ich vor Jahren, damals in Ermangelung eines besseren Begriffes, als »Gute‐Laune‐Faschismus« bezeichnet habe, ist wieder einmal in einem neuen Körper inkarniert und zeigt seine hässliche Fratze. Ein kleiner Exkurs gefällig?

Als vor etwa einem Jahrzehnt die Raucher »dran waren«, freuten sich nikotinfreie Zeitgenossen, die (nicht nur) am Wochenende gerne mal einen oder zwei über den Durst tranken, dass sie nun jedwede Lokalität besuchen konnten, ohne sich am nächsten Tag über »verqualmte Klamotten« ärgern zu müssen. Was eine merkwürdige Prioritätensetzung ist. Aber gut, man kann von jemandem, der bewusst seine Leber an die Wand fährt vermutlich nicht verlangen, dass er sich primär um seine Lunge Gedanken macht. Hauptsache, das Jackett duftet gut und bekommt keinen Baumwollkrebs.

Ein Teil der Freude, auch wenn es niemand gerne zugeben wollte, beruhte wohl nicht zuletzt auf der Tatsache, dass es ausschließlich »die anderen« betraf. Jene, die mit ihrem ausgeatmeten Giftcocktail den Mitbürgern (die sich einfach nur ungestört den Verstand wegsaufen wollten) dreist die Sicht vernebelten, mussten endlich und sprichwörtlich den Preis für ihr aufdringliches Laster zahlen. Moralisch jahrelang sturmreif geschossen und finanziell angeschlagen, nahmen diese letztlich auch ihre allgemeine, systematische Ausgrenzung relativ widerstandslos hin. An der frischen Luft rauchen ist sowieso gesünder.

Dem Argument, ein generelles Rauchverbot sei ein wenig übertrieben, mochten die Nicht‐Betroffenen nicht folgen. Natürlich nicht. Immerhin konnten sie nun »überall hin gehen«, ohne vollgequalmt zu werden. (Das war vor der Erfindung des Feinstaubs.) Für Menschen, die von etwas nicht betroffen sind, scheint der Gedanke unerträglich zu sein, dass es Orte geben könnte, an denen sich andere Menschen bewusst, freiwillig und unter ihresgleichen einem ungesunden Hobby hingeben. Schließlich können sie da nicht hingehen. Und das müssen sie aus unerfindlichen Gründen unbedingt. Dass die anderen somit »nirgendwo mehr hin gehen« können, zählt irgendwie nicht.

Zugegeben, ich war damals selbst betroffen, und es hat mich tierisch genervt. Immerhin hatte ich nicht zuletzt durch meinen ungesunden Lebenswandel die Bundeswehr gerettet, Deutschland am Hindukusch verteidigt und die halbe Dritte Welt mit durchgefüttert. [2] Und das war nun der Dank? Übrigens, nicht wundern, damals wurde noch in Mark gerechnet. Damals wurde überhaupt noch gerechnet. Heute leben wir alle gesünder, aber wahrscheinlich nicht länger, denn das wenige noch einsatzbereite Gerät der Bundeswehr ist über den halben Globus verstreut und fehlt daheim, falls jetzt noch mehr gut genährte Menschen aus der Dritten Welt… Egal, das ist ein anderes Thema.

Der springende Punkt ist: Ich hatte damals schon »divide et impera« vollumfänglich verstanden. Es war völlig klar, dass es auch in einer Welt nach dem Tabak noch Sündenböcke und (Sonder-)Steuerzahler brauchen würde. Also, mir war es klar. Den meisten, an denen damals der (randvoll mit Hochprozentigem gefüllte) Kelch vorüber ging, irgendwie nicht. Die dachten sich, dass es so schlimm schon nicht kommen würde, solange Politiker noch saufen. Ich sagte: »Ihr werdet die Nächsten sein!« und sie — haben gelacht. Vermutlich bis heute Morgen noch, bevor sie die Zeitung aufschlugen.

»Schottland hat einen Mindestpreis für Alkohol eingeführt und erhofft sich davon weniger Tote. Nach Ansicht von Gesundheitsexperten sollte Deutschland nachziehen. Die Bundesregierung zeigt sich offen«, meint der SPIEGEL dazu trocken.

Ach nee! Und da hatte ich nun fest damit gerechnet, dass die Bundesregierung heftig protestieren würde. Wer will sich schon mit dem von Drogenabhängigen abgepressten Geld belasten? Okay, Dealer und andere Kriminelle, aber sonst… Spaß beiseite, natürlich ist der Staat ganz vorne mit dabei, wenn es die Welt zu verbessern gilt. Und falls dann, notgedrungen, dabei auch noch ein wenig Geld hängen bleibt, dann muss man da halt durch. Es nutzt ja nichts, das Leben ist kein Ponyhof. Immerhin geht es darum, noch mehr Tote zu verhindern. Ein vordringliches Anliegen unserer Regierung, wie jeder weiß.

Wie das weiter abläuft, kann man sich lebhaft vorstellen: Die Steuerschraube wird nun sanft, aber unablässig angezogen, es folgen »Aufklärungs‐Kampagnen« (natürlich weiß kein erwachsener Mensch, dass übermäßiger Alkoholkonsum schädlich ist), bald gibt es die aus den beliebtesten Krankheiten wahllos zusammenkopierten Ekelbilder auf Bierflaschen. Also Beulenpest, juckende Arschlöcher, chronischer Heuschnupfen und generell alles, bei dem man nicht völlig ausschließen kann, dass es nicht durch Beigabe von Spirituosen noch schlimmer wird.

Ganz ehrlich? Es nervt. Vielleicht bin ich ja ein Fossil, wer weiß. Aufgewachsen in einer Welt, in der man vor lauter Grobstaub den Feinstaub kaum erkennen konnte. Pestizide wurden derart großzügig über endlosen Monokulturen verteilt, dass selbst der Boden nur noch durch exzessive Fäkalienausbringung wiederbelebt werden konnte. Bis zu einem gewissen Alter dachte ich sogar, dass es normal ist, wenn Fische mit dem Bauch nach oben schwimmen. Man ist auch nicht gleich wegen jedem explodierten Atomkraftwerk aufgescheucht worden. Also es war gewiss nicht alles besser früher. Aber irgendwie deutlich entspannter.

Manchmal ertappe ich mich dabei, mir relativ langweilige alte Filme anzuschauen, nur um Menschen dabei zu beobachten, wie sie halb besoffen mit einer Kippe im Mundwinkel auf ihre Kutsche kriechen, am besten noch mit einer geladenen Pistole im Gürtel, um dann nicht angeschnallt (es gab ja auch gar keine Gurte) und ohne Helm… Klar. Besonders vernünftig ist das nicht. Aber die wirken so lebendig (wenn auch vielleicht nicht lange unter solchen Vorzeichen), so normal bescheuert, so fehlerhaft und menschlich irgendwie.

Man fragt sich in solchen Momenten unweigerlich, wie Leute jemals in einer derart unregulierten Welt überleben konnten, ohne davon schwer traumatisiert zu werden. Allein schon all der aufgewirbelte Dreck. Kühe, die hemmungslos das Klima wegfurzten. Übermäßiger Fleischkonsum. Mangelhafte Hygiene. Ureinwohner, für die es nicht mal politisch korrekte Namen gab, die einfach so platt gemacht wurden, wenn sie den furzenden Kühen im Weg standen. Keine Waffengesetze, geschweige denn strenge. Und natürlich Alkohol. Überall Alkohol. Zur Begrüßung, zum Abschied und für die Zeit dazwischen, zum Durstlöschen, Feiern, Trösten, Desinfizieren oder auch einfach nur so, weil grad welcher da war. O, Du glückselige Unwissenheit und Ignoranz!

Zugegeben, das war jetzt wirklich ein ausschweifender Exkurs, aber einen habe ich noch, und der ist wichtig: Hitler. Wäre der Mann nicht aufgehalten worden, würden wir jetzt nicht nur in einer Welt ohne Juden leben, sondern auch in einer ohne Alkohol, Tabak und mit sieben Tagen Veggie‐Day pro Woche. Und das ein halbes Jahrhundert vor der Machtergreifung der Grünen! Das muss einem doch zu denken geben, um Himmels willen.

Und so besteht leider, wieder einmal, kein Grund zur Schadenfreude. Zwar ist mir Alkohol relativ gleichgültig (auch wenn das bei meinen Beiträgen nicht für jeden glaubhaft sein mag), aber die finden garantiert irgendwas. Zucker, Fett, zu dunkle Pommes, zu helle Pommes, laute Musik, Sex mit Menschen, exzessives Lachen oder ungesunde Gedanken. Wer weiß, was da noch alles in den Schubladen von Weltgesundheitsorganisation und Heilpraxisnet auf seine Entfesselung wartet. Wo sich kleinkarierte Menschen und gierige Menschen die Klinke in die Hand geben, ist ja so ziemlich alles möglich.

Ich plädiere hier nicht für eine ungesunde und verantwortungslose Lebensweise. Keineswegs. Aber die schlechte Nachricht ist: Jeder, der das liest, wird sterben. Ausnahmslos jeder. Das ist keine Drohung, das ist normal. Unterschiedlich schnell und arm, je nach Expertenlotto und Kreativität des Gesetzgebers, aber am Ende sind alle tot. Immer. Das sollte, nüchtern betrachtet, eigentlich gratis sein. Und wenn schon das nicht, könnte man ja vielleicht wenigstens die unvermeidlichen (?) Steuern auf alle Lebenden umlegen. Wäre zumindest konsequent, gerechter, einträglicher und führte zum exakt selben Ergebnis.

Hm. Ich glaube, nach diesem trostlosen Artikel brauche ich jetzt doch einen Doppelten. Bevor ich mir nur noch einen Halben leisten kann. Sicher ist sicher. In diesem Sinne: Auf ein langes und freudloses (Ab-)Leben! Stoßen wir darauf an, dass es auch in der Zukunft noch erschwingliche Genussmittel gibt, mit denen sich unsere Nachkommen jene fade Welt schöntrinken können, die wir ihnen hinterlassen. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Vielleicht wird die dann als nächstes besteuert…

[1] http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/alkohol-suchtexperten-fordern-hoehere-preise-in-deutschland-a-1206144.html
[2] https://www.tagesspiegel.de/politik/finanzierung-der-terrorbekaempfung-tabaksteuer-bringt-mehr-geld-ein-als-geplant/263080.html