Hexenjagd: »Wie viel AfD steckt im Lehrer Ihres Kindes?«

Hexenjagd: »Wie viel AfD steckt im Lehrer Ihres Kindes?«

»Ein Lehrer, der die EU überflüssig, Hitler nicht so schlimm und Flüchtlinge lästig findet — kommt Ihnen das bekannt vor?« — Mal überlegen. Hmmm. Nö. Allerdings fallen mit spontan ein paar Lehrer ein, welche die EU für die tollste Erfindung seit geschnittenem Brot, den Kommunismus und den Islam für total missverstanden, »Flüchtlinge« für Flüchtlinge, sowie Kohlenstoffdioxid für so eine Art Giftgas halten. Und die mit dem Durchzählen der Geschlechter noch nicht ganz fertig sind. Diese Liste ließe sich endlos fortführen. Dagegen scheint es leider kein Mittel zu geben. Aber dagegen: »Es gibt einen Weg, wie Schulen mit Rechtspopulisten umgehen könnten.« [1] Das wird anstrengend, holt euch schon mal ein Käseschnittchen und koffeinfreien Kaffee.

»[…] ›Herr Ruck* redet manchmal komisches Zeug‹, sagt meine Tochter über ihren Politik‐Lehrer. Wir sitzen gerade am Frühstückstisch und bekakeln die Lage der Nation. Vic besucht die 9. Klasse des Gymnasiums und spricht eher selten von den Männern und Frauen, die ihr täglich die Welt erklären. Was also erzählt dieser Lehrer?«

Das Sternchen am Hinterteil des Herrn Ruck* ist übrigens kein neumodischer Sprachunfall, sondern deutet eine altmodische Namensänderung der Redaktion an. Ob bei dieser Kreation eine Gewaltphantasie gedanklich vorangestellt, oder als selbstverständliche Handlungsanweisung stillschweigend eingeplant wurde, lässt sich nur mutmaßen. Was erzählt nun jener schröckliche Lehrer Ruck, wo er schon mal durch Deutschland geht?

»[…] ›Merkel hat im Flüchtlingschaos versagt, die Zuwanderer liegen den Deutschen auf der Tasche, die EU macht uns arm, und wir sollten endlich mal aufhören, uns wegen Hitler immer schuldig zu fühlen‹, rattert Vic seine Standpunkte runter.«

Du liebe Zeit. Jetzt fragen sich bestimmt viele Eltern, wo sich diese Schule befindet und ob sie noch Anmeldungen annimmt. Das geht aus dem Artikel leider nicht hervor. Vermutlich nicht in Berlin. Dieser Herr Ruck jedenfalls, der macht bis hier hin einen recht vernünftigen Eindruck. Meine Kinder fühlen sich übrigens nicht wegen diesem Hitler schuldig. Auch nicht wegen Kaiser Wilhelm, Katharina der Großen oder sonstigen Plagen aus dem Geschichtsbuch. Das wäre tatsächlich sehr merkwürdig.

»Ups, denke ich, AfD oder CSU? Und dann, angesichts der wachsenden Salonfähigkeit rechtspopulistischer Thesen: FDP? Oder gar SPD?«

Ernsthaft? Wir haben inzwischen SECHS linke Parteien im Parlament. Die Linke und die Grünen als Vertreter der extremen Linken, CDU und SPD als »Einfach nur so«-Linke (früher hätte man wohl Sozialdemokraten gesagt, aber mal ehrlich… Demokraten?), und den rechten Rand der CDU (in Gestalt der CSU) sowie die FDP als Linksliberale. Was da gewachsen, um nicht zu sagen gewuchert, und salonfähig geworden ist, sieht eher nicht nach Rechtspopulisten aus. Diese merkwürdige Wahrnehmung könnte auf einseitigen Politikunterricht zurückzuführen sein.

»Ich beschließe, mir den Ruck mal aus der Nähe anzusehen.«

Das ist übrigens eine ausgezeichnete Idee, wenn ich das einfügen darf. Sobald die Kinder anfangen, irgendwas Merkwürdiges zu erzählen, sollte man auf jeden Fall schauen, wer ihnen diese Flausen in den Kopf setzt. An dieser Stelle kommt nun endlich Herr Ruck leibhaftig ins Spiel:

»Beim Elternsprechtag begrüßt er mich freundlich lächelnd. ›Mich interessiert, wie Sie das Thema Demokratie behandeln‹, beginne ich. Ob denn geplant sei, im Unterricht mal eine Sitzung des Bundestags zu analysieren, da sei ja einiges los zurzeit. ›Jahaaaa‹, ruft Herr Ruck mit einem geradezu irren Leuchten in den Augen, ›und das nur dank der AfD!‹ «

Perfide, oder? Da hat sie vermutlich damit gerechnet, dass er zur Begrüßung reflexartig die Hacken zusammenknallt und ihr den rechten Arm entgegen streckt — und dann lächelt der. Einfach so. Wie dreist! Aber das ist natürlich nur Tarnung. Klar, jeder vernunftbegabte Mensch freut sich, dass dank der AfD endlich wieder mehr Bürger an Politik und Bundestagsdebatten interessiert sind, dass im Parlament endlich wieder gestritten und ordentlich gezofft wird (dafür wurde es gebaut, nicht als Konsensbude!). Aber hier haben wir es offensichtlich mit einem Demokratie‐Fanatiker zu tun. Erkennbar am irren Leuchten in den Augen. So einer geht am Ende vielleicht sogar wählen!

»Ich nicke zustimmend. ›Nur sind Provokation und Pöbelei nicht automatisch dasselbe wie Politik, nur weil sie den gleichen Anfangsbuchstaben haben und sich im P wie Parlament abspielen, oder?‹, versuche ich zu scherzen. Der Lehrer betrachtet mich wie ein seltsames Insekt und schaut auf seine Uhr. Ich verabschiede mich.«

Äh. Moment, war’s das? Eine Frage und ein total witziges Wortspiel voller »P»s? Dafür extra die Anfahrt? *aufdieuhrschau* Also ich bin mir recht sicher, dass die Gute in letzter Zeit keine einzige Debatte im Bundestag verfolgt hat, sonst wüsste sie, aus welcher Ecke das Gepöbel, Gejohle und andauernde Dazwischengequake kommt. Klingt immer, als würde irgendwo im Hintergrund eine Antifa‐Demo rumhupen, ist aber tatsächlich der Bundestag. Wie dem auch sei, von dem Besuch hatte ich mir jetzt irgendwie doch mehr versprochen…

»Zu Hause google ich den Pädagogen und finde nichts über eine AfD‐Mitgliedschaft.«

Blöd, oder? Am Ende steckt überhaupt keine AfD in diesem Lehrer (und umgekehrt). Ich meine, sonst würde er es ja ins Internet stellen. Wer würde das nicht. Ich würde jetzt aber nicht so vorschnell aufgeben. Man könnte zum Beispiel noch seinen Müll durchwühlen. Oder einen Privatdetektiv auf ihn ansetzen. Oder testhalber mal die Autoreifen zerstechen. Wenn er sich dann als Opfer aufspielt, ist er bestimmt von der AfD. Die schreien ja immer gleich, bloß weil hier und da mal was brennt.

»Ruck engagiert sich lediglich in einer Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde — was seine Privatsache ist und ihn wohl kaum zum Nazi macht.«

Aber Heimat. HEIMAT. Das ist schon verdächtig. Da haben früher auch die Nazis gewohnt. Und jetzt wohnen da Ossis. Und generell Völker. Völker. In Vaterländern. Völkisch, Patriarchat, Nationalismus… Daraus muss man ihm doch irgendwie einen Strick drehen können! Komm schon, Mädel, streng Dich mal an! Vielleicht ist er ja so ein ganz Subtiler, der nur freundlich tut und die Kinder auf niederträchtige Weise manipuliert und ihnen das Hirn verknotet? Isser so einer? ISSER?

»Meine Tochter läuft auch nicht Gefahr, indoktriniert zu werden, denn sie ist mit einer gehörigen Portion Skepsis und einem natürlichen Unwillen gegenüber jeder Form von Manipulation ausgestattet.«

Auch nicht.

Okay, also ganz ehrlich. Was. Soll. Das. Keine Story, kein Skandal, keine AfD‐Mitgliedschaft, gar nichts. Die Tochter wurde daheim auch schon so weit gegen Fakten immunisiert, dass sie sich nur noch vom Muttertier indoktrinieren lässt. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens die Skepsis nicht auch erfunden ist. Die wird sie noch bitter benötigen in diesem Elternhaus… Halten wir mal fest: Bis hier hin ein Sack voll heißer Luft. Ich bin nicht beeindruckt. Aber keine Sorge, die Geschichte nimmt noch Fahrt auf. Erstmal müssen echte Leidtragende ausfindig gemacht werden:

»Beim Sohn meiner Freundin Maren ist das anders. Sie war schockiert, als sie mitbekam, wie sehr Tom innerhalb kürzester Zeit die politischen Ideale des Herrn Ruck verinnerlicht hatte. ›Ausländer, die Jobs klauen, Überfremdung, EU‐Terror — wenn ich meinen Sohn reden höre, bekomme ich eine Gänsehaut‹, erzählt sie. ›Der Ruck hat aus ihm einen lupenreinen Populisten gemacht, da helfen auch keine sachlichen Argumente mehr. Keine Ahnung, ob sich das wieder rauswächst.‹ «

Hm. Wäre mal spannend, diese Familie einem Intelligenztest zu unterziehen. Aber hey, nur um sie zu ärgern: »Nein, das bleibt so, für immer!« Und wenn er groß wird, wird er ein russischer Bot. Versprochen. Schade, dass wir nichts über die »politischen Ideale« des Herrn Ruck erfahren (außer, dass er richtige Demokratie super findet, wie wir weiter oben gelernt haben). Überfremdung gehört vermutlich nicht dazu. Bleibt eine Aufzählung von Problemen, die sich mit »sachlichen Argumenten« nicht bekämpfen lassen. Da sind vielleicht die Argumente nicht gut genug? Ich meine, wir reden hier über ein Kind, oder? Das müsste doch rhetorisch mühelos an die Wand zu quatschen sein. Zugegeben, die Sache mit den Jobs habe ich auch nicht kapiert. Ist ja jetzt nicht so, dass diese Leute zum Arbeiten hier her kommen…

»Weil ›Rauswachsen‹ ja eher eine wenig verlässliche Variante ist, überlege ich, ob es andere Möglichkeiten gibt, gegen die Verbreitung rechten Denkens an Schulen vorzugehen.«

Bitte was?

»Eine präventive. Oder eine edukative. Ist nicht die Liebe des Beamten zur Jobsicherheit legendär? Wie wäre es also mit schmerzhaften Sanktionen für all jene Pädagogen, die extremistisches Gedankengut über die freiheitlich‐demokratische Grundordnung stellen?«

Woah, langsam, langsam! Habe ich was verpasst? Eben waren wir noch beim rechten Denken. Dessen Ausbreitung irgendwie verhindert werden soll (als gäbe es nicht schon genug falsches Denken). Rechts = konservativ. Soweit, so unproblematisch. Aber wo kommt jetzt plötzlich »extremistisches Gedankengut« her, das »über die freiheitlich‐demokratische Grundordnung gestellt wird«? Warum klingt eine Mutter, die kaum mehr als eine Frage, einen müden Witz und eine Google‐Suche auf die Reihe bekommt, plötzlich wie ein Verfassungsschutzbericht? Wie wäre es mit schmerzhaften Stromschlägen, bis das Hirn wieder normal arbeitet? Ich werfe das einfach mal genauso zusammenhanglos in den Raum.

»Keine wirklich neue Idee. Ich bin sogar alt genug, um mich noch an die Folgen des 1972 von der sozialliberalen Koalition installierten Radikalenerlasses zu erinnern. Der erlaubte es, Lehrer noch vor einer Einstellung politisch zu überprüfen, später Regelanfragen beim Verfassungsschutz zu stellen und gegebenenfalls Berufsverbote auszusprechen. Damals erwischte es vor allem linke Pädagogen, SPD‐Urgestein Herbert Wehner brandmarkte den Erlass als gefährliche ›Gesinnungsschnüffelei‹. Als Teenager empfand ich die Maßnahme als skandalösen Eingriff des Staates in die Meinungsfreiheit des Einzelnen.«

Oft ist das erste Gefühl das Richtige. So wie in diesem Fall. Es war damals Gesinnungsschnüffelei und ist es auch heute noch. Das wird nicht plötzlich dadurch besser, dass es nun Leute trifft, die dem eigenen Weltbild nicht entsprechen. Und davon mal abgesehen: Hat es was genutzt? Nein. Ich wünschte, das hätte es, dann bliebe uns jetzt Vieles erspart. Hat es aber nicht. Überall haben sich Linke bis Linksextreme festgesetzt, haben die Überreste des Rechtsstaates in ideologische Geiselhaft genommen und ersticken jedes Aufmucken der verbliebenen Zivilgesellschaft unter einer muffigen roten Decke aus Angst, Hetze und Gewalt. Dieser SPIEGEL‐Beitrag ist geradezu ein Musterbeispiel dafür. Sowas wie das da:

»Doch angesichts der Demokratiefeindlichkeit in Teilen der AfD kommt man derzeit auf die seltsamsten Ideen.«

Das ergibt nicht mal Sinn. Welche Teile? Ganz konkret, wer? Mir ist schon klar, dass da nichts kommt, immerhin dient das nur als Rechtfertigung für die eigenen »seltsamsten Ideen« (aktiv auf die Entlassung und Ächtung unschuldiger Zeitgenossen hinzuarbeiten ist ein wenig mehr als das, ehrlich gesagt). Die AfD steht wie keine andere Partei in Deutschland FÜR Demokratie. Für mehr Demokratie. Wenn das jemand in der AfD anders sieht, ist er da eindeutig falsch und dürfte sich längerfristig kaum wohl fühlen. Mir ist so jemand noch nicht begegnet. Aber ich kenne ja auch nicht jeden. Wer entsprechende Hinweise hat, ganz konkret, ich gehe dem gern nach. Ernsthaft.

»Neulich habe ich ein konspiratives Treffen lokaler AfD‐Mitglieder besucht, um eine Idee davon zu bekommen, wie diese Menschen so ticken. Ich wurde überrascht:«

(Ich will nicht spoilern, aber der Herr Ruck war nicht dabei. Auch nicht Herr Höcke. Vielleicht gar keiner von der AfD. Wer noch nie bei so einem konspirativen Treffen der AfD war: Da kommt man gar nicht so einfach rein. Es findet natürlich an einem geheimen Ort statt, man wird mit verbundenen Augen hingefahren, es werden unter gar keinen Umständen echte Namen genannt. Alle Teilnehmer tragen so komische spitze weiße Kapuzenumhänge und versammeln sich um ein brennendes Kreuz, um dann…)

»Egal ob Inklusion, Frauenrechte oder Flüchtlinge — die Parteivertreter gaben sich im Gespräch so liberal und menschenfreundlich, dass ich innerhalb von Minuten fast vergaß, dass es Menschen wie Björn Höcke in der AfD gibt. Merkelnutten‐Gefasel und die Befürwortung von Schüssen auf Flüchtlingskinder, Jagdaufrufe und Kriegsgetöse im Bundestag — vermutlich alles geträumt.«

Seht ihr? Klarer Fall. Sie war definitiv nicht bei einem konspirativen AfD‐Treffen. Offensichtlich ist sie einem Streich von irgendwelchen Gutmenschen aufgesessen. Das ergibt ja auch gar keinen Sinn: Wozu würde man ein konspiratives Treffen veranstalten, nur um sich dann gegenseitig Nettigkeiten vorzuheucheln? Das kann man doch auch in jeder beliebigen Kneipe oder in einer Fernseh‐Talkshow machen. Wenn ich bei so einem konspirativen Treffen bin, dann stupse ich meist den Björn an: »Na, haste wieder ein Flüchtlingskind abgeknallt?« Und der Herr Ruck nickt wissend dazu und zündet still lächelnd das Kreuz an. Es kommt aber noch schlimmer.

»Mein Eindruck war: Das Janusköpfige und Schlitzohrige, die Verschleierung des Radikalen, wird in der AfD offenbar schon an der Basis trainiert. Es gab Käseschnittchen, koffeinfreien Kaffee und jede Menge bürgerliches Wohlwollen. Niemand ließ sich bei dem Treffen zu politisch unkorrekten Äußerungen hinreißen, man bewahrte Habachtstellung. Nur die altbekannte Opferhaltung, die hatten alle drauf.«

Also das ist definitiv Fake. Ohne Mett‐Igel und literweise Bier geht gar nix. Wer schon mal versucht hat, sich bei Käseschnittchen und koffeinfreiem Kaffee in Stimmung zu hetzen, wird das verstehen. Ich weiß nicht, wo die Frau war, aber das kann kein AfD‐Treffen gewesen sein. Wenn man so darüber nachdenkt, ist dieser Bericht regelrecht rufschädigend und kontraproduktiv. Das macht dem Verfassungsschutz die Arbeit auch nicht gerade leichter. Ernsthaft jetzt, Käseschnittchen. Klar, ist alles nur Tarnung. Die AfD ist scheinbar dermaßen konspirativ verhüllt, dass sie beim nächstbesten Burka‐Verbot gleich mit verschwindet.

»Ein bisschen kam ich mir vor wie ein Hase, der von einer fetten, freundlich gähnenden Anaconda zum Spielen eingeladen wird. ›Es ist so gemein, dass mich keiner mag, nur weil ich am Boden rumkrieche und lauere‹, sagte die Schlange. ›Dabei bin ich längst vegan. All das Gewürge, das Knochengeknacke, das ist doch vorbei.‹ «

Schon besser. Damit kann man arbeiten. Gefühle. Emotionen. Nicht so langweilige Leute mit Schnittchen und Kaffee. Wenn ich jetzt Schuldirektor wäre und das Häschen würde auf meinem Schoß sitzen und die Tränen fangen an zu kullern… also da wäre der Herr Ruck zuck raus. Einfach so, zack. Diese miese, hinterhältige Anaconda!

»Ich glaube nicht, dass Lehrer Ruck ein Verfassungsfeind ist.«

Okay, aber warum soll er dann… wie war das noch gleich… »schmerzhaft sanktioniert« werden? Gar seinen Job verlieren?

»Aber Björn Höcke könnte einer sein.«

Ach so. Macht Sinn.

»Der AfD‐Fraktionsvorsitzende aus Thüringen war in seinem ersten Leben Gymnasiallehrer — Oberstudienrat, Sport und Geschichte, derzeit beurlaubt. Ihm Zirkeltraining und Bundesjugendspiele anzuvertrauen, mag für den einen oder anderen hinnehmbar sein. Aber sich vorzustellen, dass er Heranwachsenden den Nationalsozialismus erklärt, ist geradezu obszön.«

Tja, und wenn Björn Höcke eine Katze ist, können wir mal gespannt sein, was er in seinen restlichen neun Leben noch so wird. Der Gedanke, dass er irgendwelchen Kindern irgendwas erklärt, ist nicht nur obszön, sondern auch überflüssig (und ganz ehrlich, mir wäre auch lieber, wenn er bei dem Thema öfter mal die Klappe hält). Ich denke, er ist mit der Politik auf absehbare Zeit ganz gut ausgelastet. Und wenn nicht, dann könnte er immerhin Verfassungsfeind sein. Weil:

»Höcke hat die Aufarbeitung der NS‐Verbrechen als ›dämliche Bewältigungspolitik‹ bezeichnet und eine ›erinnerungspolitische Wende um 180 Grad‹ gefordert. Er ist ein ebenso dreister wie geschmackloser Geschichtsrevisionist, der entgegen heftigen Protesten von KZ‐Überlebenden darauf bestand, an einer Holocaust‐Gedenkfeier in Buchenwald teilzunehmen. Nur ein Hausverbot konnte ihn davon abhalten.«

Darüber muss ich einen Moment nachdenken. Heißt das… er WOLLTE (im Gegensatz zu seinen bierseligen Sprüchen) ausgerechnet an einer Holocaust‐Gedenkfeier teilnehmen, bei der in einem KZ der Opfer dieses NS‐Verbrechens gedacht wird, in Anwesenheit von überlebenden Betroffenen und Zeitzeugen, sprich er wollte gedenken, sich erinnern, trauern und — man hat ihn nicht gelassen? Ist das nicht irgendwie kontraproduktiv? Also ganz ehrlich, unter solchen Umständen fände ich die Erinnerungskultur auch dämlich. Jetzt lasst ihn doch mitmachen, um Himmels willen!

»Höcke war Lehrer an einer Gesamtschule in Hessen, das dortige Kultusministerium hat angekündigt, verhindern zu wollen, dass er in seinen Beruf zurückkehrt.«

Ich rate mal. Weil er sich weigert, dem Holocaust zu gedenken?

»In Berlin musste unlängst ein Lehrer noch in seiner Probezeit ein Gymnasium verlassen. Als Grund gab die Schulleitung Verbindungen des AfD‐Mitglieds zur Identitären Bewegung an, die vom Verfassungsschutz beobachtet und von Experten als rechtsextrem eingeschätzt wird.«

Da hoffe ich mal, dass er dagegen klagt. Die Erfolgsaussichten dürften ausgesprochen gut sein. Und selbst wenn nicht: Es wäre doch eine schöne Gelegenheit für die Öffentlichkeit, endlich nach der ganzen Beobachterei die üppigen Früchte dieser Arbeit und somit harte Fakten serviert zu bekommen. Man muss die Leute doch warnen, richtig? Das wäre das Mindeste. Ich meine, ich mag’s ja auch spannend, aber langsam ist mal gut. Und überhaupt, was hätten die Experten da zu befürchten? Ist ja nicht so, dass sie sich blamieren könnten. Also raus damit. Nicht so schüchtern! Tja, wie dem auch sei, da hätten wir die Identitäre Bewegung also auch ins Spiel gebracht. Wir erinnern uns, der Herr Ruck beschäftigt sich mit »Heimatkunde« *husthust* Heimat, Tradition… So einer schreckt auch vor Freiheit nicht zurück!

»Es gibt also Mittel und Wege, rechts‐ wie linksextreme Lehrer zu disziplinieren.«

Echt? Welche Mittel gibt es gegen linksextreme Lehrer? Und wo kommen die auf einmal her? Eigentlich fast schade, dass der Text an dieser Stelle endet, denn das hätte mich jetzt doch sehr interessiert. Inklusive Beispielen aus den letzten… sagen wir mal zwanzig Jahren?

»Schulleitungen können tätig werden, wenn es gelingt, nachzuweisen, dass Pädagogen gegen die Verfassungstreuepflicht verstoßen. Ebenso, wenn ein Lehrer das sogenannte Mäßigungsgebot verletzt oder der Schulfriede beeinträchtigt ist. Sie müssen es allerdings wollen.«

Schon irgendwie niedlich, wie die Forderungen immer verzweifelter werden. Nachweis des Verstoßes gegen die Verfassungstreuepflicht, klar. Gerne. Damit könnte man auch mal den Bundestag durchbürsten. Das mit dem Mäßigungsgebot wird schon schwierig ohne Übermaß. Aber »Schulfriede«? Da kann man auch gleich versuchen, Eidotter an die Wand zu nageln. Natürlich wissen wir alle, wie sich das arrangieren lässt: Die Turnhalle wird entglast, das Auto vom Schulleiter brennt und dann muss man natürlich was unternehmen. Wenn sich die Antifa so dermaßen aufregt, muss der Störenfried halt gehen. Damit endlich Ruhe einkehrt.

Halten wir mal fest: Möglicherweise steckt gar keine AfD im Herrn Ruck und er nicht in ihr. Man weiß es nicht. Es gab aber ein konspiratives AfD‐Treffen ohne Merkelnutten und tote Flüchtlingskinder, dafür aber mit Käseschnittchen und koffeinfreiem Kaffee. Herr Ruck war dort nicht anwesend. Herr Höcke auch nicht. Die Autorin selbst hält ihn nicht für einen Nazi, nicht mal für einen Verfassungsfeind. Also den Ruck, nicht den Höcke. Und die Identitäre Bewegung wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Ende der Beweisaufnahme. Bleibt eigentlich nur noch die Frage: Wann wird dieser widerliche Lehrer endlich gefeuert?

P.S. Wenn das unsere Gegner sind, mache ich mir keine Sorgen.

P.P.S. Liebe Juno Vai, falls Du das liest (so unwahrscheinlich das auch ist): Ich finde Dich scheiße. Solche hinterfotzigen Meldemuschis konnte ich schon in der DDR nicht leiden! Deine Tochter tut mir leid und ich möchte nicht in Deiner Haut stecken, wenn Du ihr eines (nicht allzu fernen) Tages erklären musst, warum sie sich draußen leider sicherheitshalber verschleiern muss. Sie wird das bestimmt verstehen. Wenigstens hast Du es diesem Ruck so richtig gezeigt…

[1] http://www.spiegel.de/panorama/schule-wie-viel-afd-steckt-im-lehrer-ihres-kindes-a-1197926.html

Sina Lorenz

Patriotische Libertäre mit Tendenz zu geistigen Amokläufen.
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