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Mrz 13 2018

London has fallen — oder: Eine gute und eine schlechte Nachricht

Die Gute zuerst: Grenzsicherung, Terror-Bekämpfung, Abschiebung und ähnliche Anachronismen ehemaliger Rechtsstaatlichkeit funktionieren in Europa noch (oder wieder) ziemlich gut. Erschreckend gut sogar! Die Schlechte: Leider nur sehr selektiv. Diese Maßnahmen richten sich immer unverhohlener gegen Kritiker, Journalisten und unbescholtene Bürger. So war das eigentlich nicht gedacht.

Es mutet wie eine skurrile Szene aus einem Film an: Mitten in der Nacht klingelt das Telefon. Der Beamte am anderen Ende der Leitung eröffnet dem verdutzten Vater gutgelaunt, dass man seine Tochter unter Terrorverdacht festgenommen habe. Damit einhergehend hätte sie sämtliche Grundrechte verloren, beispielsweise das auf anwaltlichen Beistand. Im Grunde sei das aber halb so wild, versichert er, man halte sie gar nicht wirklich für eine Terroristin, man behandle sie halt nur wie eine. Weil man es halt könne. Weil es die Klärung von „ein paar Fragen“ erleichtere.

Jetzt kann man nur spekulieren, ob das besonders dumm, außergewöhnlich dreist oder eine ungesunde Mischung aus beidem war, aber man kann es sich unmöglich ausdenken. Dem Vater aus obiger Szene hätte das wohl auch niemand geglaubt, aber er hat dieses Telefonat geistesgegenwärtig aufgezeichnet. [1] Bei der Tochter handelt es sich übrigens um die bekannte kanadische Journalistin (Politikerin, Filmemacherin, Aktivistin, usw.) Lauren Southern.

Zwei Tage zuvor hatte sie anlässlich der illegalen Inhaftierung von Brittany Pettibone und Martin Sellner [2] im Schock des Augenblicks noch leicht verunsichert gescherzt, ob ihr womöglich bei der Einreise nach Großbritannien ein ähnliches Schicksal blühen könnte. Die beiden sind mittlerweile wieder frei [3], aber natürlich kam es, wie es kommen musste. Lauren Southern wurde auf dem Weg zur Insel des Irrsinns in Calais (ausgerechnet!) von den britischen Behörden festgenommen, verhört, widerrechtlich inhaftiert und schlussendlich „verbannt“.

Jetzt würde ich dem Vereinigten Königreich nicht unbedingt einen geschickten Umgang mit den Bürgern seiner (ehemaligen) Kolonien unterstellen — möglicherweise einer der Gründe, warum „Groß“britannien nur noch mit Mühe die kläglichen Reste des Empire auf der eigenen Insel zusammenhalten kann — aber das nimmt langsam tragikomische Züge an. Offenbar ist Mohammed posthum gelungen, was der spanischen Armada und Hitler versagt blieb: Er hat Britannien (mehr oder weniger) unblutig unterworfen.

Während Betrüger, Vergewaltiger, Mörder, Hassprediger und Terroristen die neue Bewegungsfreiheit durch angeblich nicht mehr vorhandene und schützbare Grenzen drinnen wie draußen dankbar in Anspruch nehmen, trifft „die volle Härte des Gesetzes“ (oder besser gesagt staatlich sanktionierter Anarchie) die eigenen Bürger, Europäer und Amerikaner. Um die Überbringer der unbequemen Nachrichten, im Grunde sogar die Nachrichten selbst zu erschießen, ist offensichtlich noch genügend Munition vorhanden. [4]

Und die Moral von der Geschichte? Es ist möglicherweise keine so gute Idee, nach einem starken Staat zu rufen, wenn er einem gar nicht mehr (oder noch nicht wieder) gehört. Aktuell stehen wir abermals am Beginn einer großen Zeitenwende. Der sanfte Totalitarismus verabschiedet sich von der Sanftheit, stellt sich dabei allerdings überraschend ungelenk an. Den Bürgern vorzuführen, wie reibungslos Behörden funktionieren können, wenn sie denn wollen, und wen sie für den eigentlichen Feind halten — dafür kann man kaum dankbar genug sein. Das war so vermutlich auch nicht gedacht. Weitermachen!

[1] https://youtu.be/9Kzkgd-GLrk
[2] https://dunkeldeutschland.blog-net.ch/2018/03/11/europa-auf-dem-weg-in-die-diktatur-freepettibone-freesellner/
[3] https://jungefreiheit.de/debatte/interview/2018/hier-werden-wir-dagegenhalten-und-dazwischengraetschen/
[4] https://youtu.be/U3OapVWWGVY