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#120db wirkt: Wenn »Männer« Frauen vorschreiben, was Feminismus ist

Die »120 Dezibel«-Kampagne ist derzeit in aller Munde — und bekommt eine ungeahnte Reichweite nicht zuletzt ausgerechnet durch jene hyperventilierenden Clowns im Journalistenkostüm, die sie diffamieren, diskreditieren und die Gründe für ihre Notwendigkeit lieber weiterhin ausblenden würden. Ausblenden. Merken, dieses Wort wird später noch wichtig.

Heute versucht sich ein Beta-Männchen namens Julian Dörr (das kann eigentlich nur ein Künstlername sein) von der Süddeutschen Zeitung am selben Experiment und stellt gleich noch klar, welche Frauen sich worüber und in welcher Form aufregen dürfen. Im Namen des Feminismus. Als Mann. Das kann ich unmöglich unkommentiert lassen.

»Der Trick ist ganz alt. Aber er verfängt sofort. Dramatische Musik, junge Frauen sprechen in die Kamera, aus den intimen Räumen ihrer Wohnungen heraus. ›Mein Name ist Mia. Mein Name ist Maria. Mein Name ist Ebba.‹ Namen, die zu Opfern von Gewalttaten gehören. Sätze, die sagen: Das nächste Opfer könnte ich sein. Oder du.« [1]

Du bestimmt nicht. Aber mal unter uns: Wenn der »Trick« so alt ist, warum fällst Du dann darauf rein? Unverarbeitete Schuldgefühle, die unbewusst am Gewissen nagen? Gut so.

»Das Video, das vor Kurzem bei Youtube hochgeladen wurde, stammt aus dem Umfeld der völkischen und rechtsextremen Subkultur der ›Identitären Bewegung‹.«

Falsch. Die Identitäre Bewegung war noch nie »völkisch« und »rechtsextrem«. Ich weiß nicht, ob das einfach nur Dummheit ist oder der unbeholfene Versuch, andere solange mit Schmutz zu bewerfen, bis irgendwas kleben bleibt, aber… davon bekommt man vor allem schmutzige Finger.

»Rechte schwingen sich darin also zu vermeintlichen Frauenschützern auf.«

Falsch. Schon wieder. In dem Video sind mehrere junge Frauen zu sehen, die auf ein leider bisher zu wenig beachtetes (um es mal vorsichtig zu umschreiben) Thema aufmerksam machen. Sie möchten, dass Frauen besser geschützt werden. Über ihre politische Verortung reden sie eigentlich gar nicht. Welcher Teil davon ist »vermeintlich«? Wie kann man sich zu etwas »aufschwingen«, das man bereits ist?

»Vordergründig. Die politische Agenda kommt danach und geht so: Mia, Maria und Ebba aus Deutschland, Schweden und Großbritannien sind Opfer von Migranten, Ausländern, Flüchtlingen.«

Stimmt. Sogar hintergründig. Und was lernen wir daraus?

»Wer Menschen eine Botschaft vermitteln will, muss Menschen die Botschaft spüren lassen. Am eigenen Leib, im eigenen Leben. ›Mein Name ist Mia. Ich wurde in Kandel erstochen.‹ Personalisierung. Emotionalisierung. Lehrbuch für Aktivismus, Lektion eins, Seite eins.«

Genau das ist das Problem mit Leuten, die das Leben nur aus Lehrbüchern kennen. Gelesen, aber offensichtlich nicht verstanden. Anderenfalls kann ich mir nicht erklären, wie die Schlussfolgerung daraus sein kann, eben jene Frauen zu bekämpfen, die auf das Problem aufmerksam machen.

»Auf die Emotionalisierung folgen also umgehend die vermeintlichen Ursachen für diese Taten: ›Weil ihr euch weigert, unsere Grenzen zu sichern. Weil ihr euch weigert, zu kontrollieren, wer hier reinkommt. Weil ihr euch weigert, Straftäter abzuschieben.‹ Es wird nie ausgesprochen, aber es ist sofort klar, worum es hier eigentlich geht: Die europäische Frau, bedroht vom belästigenden, vergewaltigenden, mordenden Muslim.«

Das wurde tatsächlich nie ausgesprochen, aber danke für den Tipp. Werde ich mal drüber nachdenken. Und alle anderen Leser werden das jetzt sicher auch. *daumenhoch* Was genau bedeutet im Kontext der oben genannten drei Beispiele eigentlich »vermeintlich«?

»An der Oberfläche bedient dieses Video feministische Narrative. Gewalt sichtbar machen, Schweigen brechen.«

An der Unterfläche übrigens auch.

»Doch diese werden dazu missbraucht, den Rassismus der ›Identitären Bewegung‹ zu verbreiten.«

Auf die Gefahr hin, dass Du dabei jetzt als kompletter Idiot dastehst, Julian, aber das ergibt exakt Null Sinn. Die Identitäre Bewegung (was sollen die Gänsefüßchen, sie heißt nun mal so?) verbreitet keinen Rassismus. Insofern wird es schwierig, irgendetwas Anderes dazu zu missbrauchen, ihren Rassismus zu verbreiten. Kapisch?

»[…] ›Frauen wehrt euch!‹ steht in der Zeile unter dem Video. Und daneben: #120db. 120 Dezibel. Die Lautstärke eines Taschenalarms für bedrohte Frauen. #120db soll ein Aufruf sein. Die rechte Antwort auf #MeToo. Endlich soll ausgesprochen werden, was verschwiegen wird in Deutschland.«

Das ist aus dem investigativen Journalismus in Zeiten des Internet geworden? Den Inhalt eines Videos aufsagen? Man(n) hätte es auch einfach verlinken können, damit es sich jeder selbst anschaut. Nur so als Idee. Ungefähr so: https://youtu.be/FSXphiFknyQ

»Und so behaupten diese Frauen, dass die Täter überall lauern. Im Park beim Joggen, auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, an der Bushaltestelle. Sie nennen sich: die Töchter Europas. Sie sagen: ›Ihr habt uns vergessen.‹ Mehr noch: ›Ihr habt uns verraten. Ihr habt uns geopfert.‹ «

Okay, aber sie lauern ja an den genannten Orten. Dazu muss man einfach mal die Qualitätspresse lesen. Kleiner Hinweis: Die Fälle, in denen die Täter keinerlei Merkmale besitzen, keine Herkunft, keinen Namen, nichts, die gehören zu 99 Prozent auch in diese Kategorie. Erfährt man meist ein paar Wochen später.

»Ihr, das ist die liberale Gesellschaft, die — auch das sagen die Protagonistinnen dieses Videos — ihre Frauen nicht mehr schützen kann. ›#120db ist der wahre Aufschrei, gegen die wahre Bedrohung für Frauen in Europa‹, sagt eine. Eine andere: ›Ihr predigt Feminismus und Frauenrechte — dabei seid ihr die wahren Frauenfeinde.‹ «

Stimmt. So schaut’s leider aus. Man könnte jetzt wie bisher den Kopf in den Sand stecken, oder man könnte mal in Ruhe drüber nachdenken. Oder, da wir uns hier immer noch auf dem verseuchten Boden der Süddeutschen befinden, man könnte auch die Überbringer(innen) der schlechten Nachricht attackieren. Jetzt raten wir mal, wofür sich er sich entscheidet:

»Rassisten inszenieren sich als die Verteidiger der Frauen.«

Ernsthaft?

»Ist das jetzt ein neuer Feminismus? Ein Feminismus von rechts außen?«

Nein, es ist immer noch der alte Feminismus. Der Feminismus, wie er mal war, bevor er völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Ein Feminismus, der FÜR Frauen kämpft und nicht gegen Männer und andere Frauen. Das ist wahrscheinlich schwer jemandem zu vermitteln, der denkt, dass alle Menschen gleich sein sollten. Gleich arm, gleich hässlich, gleich dumm und gleich unterdrückt. Aus dieser Perspektive ergibt das natürlich alles keinen Sinn.

»Die jungen Frauen der ›Identitären Bewegung‹ und anderer europäischer Gruppierungen vom rechten Rand scheinen auf den ersten Blick progressiv. Selbstbewusst und selbstermächtigt.«

Das liegt daran, dass sie es sind. Sieht man auch sehr gut beim zweiten, dritten und vierten Blick. Dazu müsste man allerdings lange genug hinschauen.

»Sie wollen die Gleichberechtigung verteidigen gegen die ›Islamisierung‹ Europas, gegen eine ›Mehrheit von jungen Männern aus archaischen, frauenfeindlichen Gesellschaften‹. Gleichberechtigung ist der zentrale Begriff des Feminismus. Doch hier geht es nicht um Feminismus und auch nicht um Gleichberechtigung.«

Auch wenn die Antwort etwas kindisch klingt: Doch.
Tut es. Genau darum geht es.

»Der Feminismus will alle Frauen schützen. Unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion. Die Rechten hingegen kämpfen für den Schutz der deutschen, der europäischen Frau.«

Sagt wer? Ich habe mir das Video nun mehrmals angeschaut und konnte keinerlei Hinweis darauf entdecken, dass nur bestimmte Frauen geschützt werden sollen und andere nicht. Da es hier vorrangig um ein ganz spezifisches Problem geht, dass wir in Deutschland und Europa haben, betrifft es zwangsläufig in der Hauptsache deutsche und europäische Frauen.

»Sie ziehen Grenzen um Nationen und Kulturen. Weil die Bedrohung in ihrem Weltbild nur von außen kommen kann. Die Gewalt weißer Männer an weißen Frauen wird ausgeblendet.«

Da ist es endlich, das Zauberwort: Ausgeblendet. Es beschreibt einen Vorgang, der bewusst über gewisse Geschehnisse den Mantel des Schweigens ausbreiten soll, sie unter den Teppich kehren, relativieren, verharmlosen oder umdeuten. Beispielsweise, weil sie mit dem eigenen Weltbild kollidieren. Kommt das noch jemandem irgendwie bekannt vor? Die Gewalt »weißer Männer an weißen Frauen« (wer ist hier eigentlich der Rassist?) wird übrigens schon zur Genüge thematisiert, dafür braucht es nicht noch eine weitere Kampagne.

»#120db ist damit eben kein #MeToo.«

Soviel Geschwafel, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Wahnsinn. Was verdient ein Journalist eigentlich pro Stunde? #120db ist kein #MeToo. Es ist eher das schlechte Gewissen von MeToo, die dunkle Ecke im Keller, die keiner aufräumen möchte.

»Auch weil es die gesellschaftliche Realität negiert. Sexismus und sexuelle Übergriffe sind Alltag in Deutschland. Sexualisierte Gewalt gibt es in allen Schichten und Milieus. Und in allen Glaubensgruppen und Ethnien. Sexualisierte Gewalt kann natürlich religiös motiviert sein, sie kann natürlich aus […] blah blah blah blah«

Alter Falter, komm auf den Punkt! Immer diese Relativierungen. Natürlich gibt es (sexuelle) Gewalt AUCH »anderswo«. Das bestreitet doch niemand. Auch nicht #120db. [2] [3] Was man leider auch nicht bestreiten kann, ist der Anstieg solcher Taten in einem »gewissen Milieu«. Und es sind nicht vorwiegend buddhistische Norweger, die einem da zuerst in den Sinn kommen.

»Eine Trennung von drinnen und draußen, wie sie die Rechten vornehmen, ist aber nicht möglich.«

Doch, ist sie. Nennt sich Grenze. Auf der einen Seite ist drinnen und auf der anderen draußen. Je nachdem, von wo man guckt. Funktioniert super. Einfach mal probieren.

»Sexualisierte Gewalt findet genauso in deutschen Häusern, in deutschen Firmen, in deutschen Familien statt. Sich in dieser Debatte alleine auf Übergriffe und Sexualdelikte durch Zuwanderer zu beschränken, ist argumentativer Unfug. Eine zutiefst rassistische Auslegung. Und im Übrigen auch eine, die das Problem nicht lösen würde.«

Wer hat denn »MeToo« daran gehindert, sich des Problems anzunehmen? Wer hat die Muschimützen-Trägerinnen daran gehindert und ihre Kopftuchschwestern? Dieses Problem einfach zu negieren und mit einem »das passiert ja anderswo auch« vom Tisch zu fegen, ist mindestens auch argumentativer Unfug. Und zutiefst rassistisch.

»Um was es der »Identitären Bewegung« wirklich geht, ist der Schutz des reinen, europäischen Blutes, der europäischen Identität.«

Kann ich für die Stelle mit dem Blut eine Quellenangabe haben?
(Ist eine rhetorische Frage, ich weiß, weil es keine gibt)

»Dementsprechend ist auch ihr Frauenbild mitnichten ein feministisches. Man sieht das ganz deutlich, wenn man eine Seite wie ›Just Nationalist Girls‹ besucht.«

Warum besuchen wir jetzt plötzlich eine ganz andere Seite? #120db hat doch eine eigene. Warum besuchen wir die nicht? Wäre doch regelrecht naheliegend. Da ist sie: http://www.120db.info/

»Dort zeigt sich die identitäre Frau als wehrhafte Kämpferin, mit Pfeil und Bogen oder mit Boxhandschuh. Wir sind keine Opfer. Auch hier wieder: auf der Oberfläche ein feministisches Narrativ, das bei genauer Betrachtung in sich zusammenfällt.«

Das ist das Problem mit Betas. Sie haben im Grunde Angst vor Frauen. Ich weiß nicht mal, warum wir jetzt plötzlich über eine ganz andere Website reden, aber gut, dann reden wir eben drüber:

»Denn da ist auch das Pin-up-Girl, das sich für die nationalistische Revolution hübsch macht. Da ist die sorgende Mutter auf der Waldlichtung im Gegenlicht, die Erhalterin des Volkes.«

Und was genau fällt da jetzt in sich zusammen? Ich meine, abgesehen vom Resthirn des Autors. Frauen bekommen nun mal Kinder, Männer nicht. Frauen machen sich gern hübsch, die meisten Männer nicht (auf diese Weise). Das scheint den armen Julian völlig zu überfordern. Ja, Feminismus gibt es auch in nicht-fett und ohne struppige rostrote Haare.

»[…] ›Kriege können eine Nation nicht zerstören‹, steht da, ›gewollte Kinderlosigkeit schon.‹ Die Frau als selbstbewusste, aber schlussendlich hörige Gefährtin eines Mannes. Es ist gerade diese Rolle rückwärts, die die Frauen der Rechten als neuen und revolutionären Feminismus verkaufen.«

Wieso »hörig«? Worauf gründet diese Behauptung? Wenn es keine Kinder gibt, stirbt eine Nation aus. Einen Krieg überlebt sie mit etwas Glück. Ziemlich simple Feststellung. Frauen bekommen Kinder, Männer nicht. Es ist sinnvoll, Kinder zu bekommen. Dafür braucht es Frauen, die Kinder bekommen wollen, allein schaffen es die Männer nicht. Das hat die Natur so gebaut, ob einem das nun gefällt oder nicht.

»Das weibliche Sprachrohr innerhalb der Bewegung ist die Gruppe ›Identitäre Mädels und Frauen‹. Ihr Symbol ergänzt den griechischen Buchstaben Lambda, das Erkennungszeichen der ›Identitären Bewegung‹, durch einen langen, geflochtenen, blonden Zopf mit einer Edelweiß-Blüte am Ende. Wie ein Rapunzel-Zopf hängt er an den harten Kanten des Buchstaben hinab, eine Einladung zum Hochklettern, zum Hineinklettern in die rechte Ideologie.«

Spannend… *fingernägelmanikür*

»Wer sich die Facebook-Seite unter diesem Zopf anschaut, der findet schnell heraus, dass im Kern dieser Frauenbewegung ein entschiedener Antifeminismus steckt.«

Ähm, nur um das zu verstehen: Wir schauen uns jetzt noch eine andere Seite an? Warum? Und warum nicht die, um die es hier geht? Also die da: http://www.120db.info/

»In einem Post aus dem März des vergangenen Jahres steht da zum Beispiel […] blah blah blah blah«

Wen juckt das? Können wir dann jetzt endlich zum Thema zurück kommen? Nein, natürlich nicht. Jetzt wird es erst mal schlüpfrig, soviel Zeit muss sein:

»Echte Weiblichkeit sieht für die ›Identitäre Bewegung‹ so aus: Eine Frau kniet vor dem Schritt eines Mannes, ihr Blick ist nach oben gerichtet, ihre Hände ziehen seine Hose nach unten. Darüber steht: ›Love Blowjobs. Hate Antifa.‹ «

Und? Neidisch? Es gibt nun mal Frauen mit gewissen hygienischen Mindeststandards. Ist doch gut so. Wenn eine Frau alles darf, dann darf sie auch lutschen, woran sie mag. Oder halt nicht.

»In diesem Instagram-Post steckt die Antwort auf die Frage, warum die weiblichen Selbstermächtigungsgesten der Rechten niemals feministisch sein können. Was als sexuelle Freiheit und Emanzipation verkauft wird, ist ein doppelter Rückschritt. Zum einen reduziert es die Frau erst recht zum Sexualobjekt, das zudem einzig und allein dafür benutzt wird, den politischen Gegner zu diffamieren.«

Wir könnten uns jetzt theoretisch auch mit dem eigentlichen Thema beschäftigen, aber ich fürchte, dem Julian ist bei der Meditation über dieses Bild das Blut in tiefere Körperregionen abgeflossen. Während er noch seine Tastatur trockenlegt, nur eine Frage: Eine Frau, die einem Mann die Hose öffnet — wer von beiden hat mehr »Macht« in dieser Situation? Und, davon ganz abgesehen, jeder hasst die Antifa. Hat zwar auch nichts mit dem Thema zu tun, aber egal.

»Zum anderen offenbart sich eine völlig falsche Sichtweise auf den Feminismus: Feministen wollen verbieten und regulieren. Feministen sind prüde und unsexy. Feministen mögen keine Blowjobs.«

Tja, das ist auch mein Eindruck von dem, was sich heutzutage »Feminismus« nennt. Ich nehme ihn als hysterisch, verbotsbesessen, engstirnig und kontraproduktiv wahr. Es geht ihm schon lange nicht mehr um die »Erhebung« der Frau. Er versucht, aus Frauen Männer zu machen und aus Männern Frauen. Oder irgendeins von den anderen 73 Geschlechtern. Und das ist nur Eines von vielen seiner Probleme.

»Dass es im Feminismus aber gerade um das Gegenteil, nämlich die Enttabuisierung von Sex und die sexuelle Befreiung in einem respektvollen Miteinander geht, wird ausgeblendet.«

Enttabuisierter, befreiter Sex in einem respektvollen Miteinander setzt ein gewisses Einverständnis sämtlicher Beteiligten voraus. »Eine Armlänge Abstand« oder »Respect!«-Bändchen deuten in eine bestimmte Richtung, die das eigentliche Problem zumindest erahnen lassen sollte.

»Allerdings ist genau diese verzerrte Darstellung sehr anschlussfähig, weil sie an eine Sichtweise anknüpft, die tief in der Mitte der Gesellschaft verankert ist: der Feminismus als Feind der Erotik.«

Ich halte das für eine ziemlich deutliche Wahrnehmung. Zumindest könnte man mal in Erwägung ziehen, dass die gesamte Mitte der Gesellschaft vielleicht nicht so doof ist, wie man sie gern hätte. Der heutige Feminismus (im Englischen »third wave feminism«, was durchaus treffend eine gewisse Assoziation zum Totalitarismus weckt) ist mit »unerotisch« noch schmeichelhaft umschrieben. Welche Blüten das treibt, kann man sich in Schweden anschauen. Wenn man vor dem Verkehr erstmal eine orale Vollzugserlaubnis (Wortspiel beabsichtigt) einholen muss, am besten noch vor Zeugen oder gar schriftlich, dann dürfte die Stimmung spätestens an diesem Punkt nachhaltig im Eimer sein.

»Rechte Frauen kämpfen gegen die Unterdrückung.«

Der einzige korrekte Satz in dem ganzen Pamphlet. Muss man auch mal anerkennen. Dass man den nicht so stehen lassen kann, war dem Julian natürlich klar:

»Aber sie kämpfen nicht gegen die Unterdrückung durch das Patriarchat. Sie kämpfen gegen die Unterdrückung durch Linke, Liberale und Feministen.«

Auch. Darum geht es aber bei #120db nicht vordergründig. Wenn man mal von dem berechtigten Vorwurf absieht, von eben jenen im Stich gelassen worden zu sein. »Das Patriarchat« (gibt es das überhaupt noch?) ist aber aktuell nicht das vordringliche Problem. Es geht um ein Problem, das wir neben anderen vorher nicht und schon gar nicht in diesem Ausmaß hatten: Importierte Gewalt.

»Durch alle, die sie in ihrem rassistischen und sexistischen Weltbild herausfordern.«

Es ist »sexistisch« und »rassistisch«, nicht vergewaltigt werden zu wollen? Ernsthaft? Das klingt mir eher nach einem sehr gesunden »Weltbild«, ehrlich gesagt.

»Der Kampf gegen die übergriffigen und in diesem Weltbild ausschließlich muslimischen Männer ist nur ein Vorwand. Eigentlich ist es ein Kampf gegen Freiheit und Toleranz.«

Nö. Wer hat etwas von ausschließlich muslimischen Männern gesagt? (Außer dem Verfasser dieses seltsamen Artikels). Man muss kein Muselmane zu sein, um Frauen zu verachten. Aber es hilft offensichtlich. Die wirklich spannende Frage ist aber eine andere: Was gedenkt Julian Dürr nun gegen die Zustände in unserem Land zu unternehmen? Also außer Frauen bekämpfen, die er nicht mag. Ist das jetzt alles, was da kommt? Das Problem weiter AUSBLENDEN? Das wird nicht funktionieren. Dafür werden die Mädels von #120db sorgen.

Was mich den gesamten Text über allerdings beschäftigt, ist aber etwas Anderes: Wie kommt ein Mann (nun, wohl eher ein Männchen) dazu, mir erklären zu wollen, wie Feminismus zu funktionieren hat? So einen Kasper falte ich mühelos zusammen, während ich gleichzeitig Kinder bekomme und geil aussehe. Muss er erstmal nachmachen. Danach reden wir weiter.

[1] http://www.sueddeutsche.de/kultur/rechtsextremismus-und-frauenrechte-feminismus-von-rechts-aussen-1.3862040
[2] http://www.120db.info/faq/
[3] https://youtu.be/UnARaHCsLPQ