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Totensonntag oder: Schöner Nazi sprechen mit Bento.

Hanna Zobel war wohl an diesem beschaulichen Feiertag etwas langweilig. Daher hat sie spontan ihr inneres Frettchen von der Leine gelassen, sich ein Stück Seife und Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch von der FU Berlin (»Fuck You, Börlin«?) geschnappt, um sich auf eine Mission zur Säuberung unserer teutonischen Sprache zu machen. Mit dramatischen Folgen für mich: Der freie Sonntag ist damit gestorben. Passt ja irgendwie.

»Frage: Die Nationalsozialisten haben Sprache ganz gezielt eingesetzt, um ihre Ideologie in der Gesellschaft zu verankern und Macht auszuüben. Sie hatten sogar ein Propagandaministerium, das sich damit beschäftigt hat. Geistern ihre Begriffe noch immer in unserer Sprache umher?« [1]

Entschuldigung, wenn ich da gleich so unhöflich reingrätsche, diese Frage war eigentlich an Anatol gerichtet, aber… Diese Nazis haben Sprache missbraucht, um Menschen zu manipulieren? Und die hatten sogar ein eigenes Ministerium dafür? Das ist ja schrecklich! So etwas kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen.

»Antwort: Ja, es gibt noch sehr viele davon.«

Schwein gehabt. Nicht auszudenken, was aus dem Interview geworden wäre, hätte er mit »Nö, eigentlich nicht« geantwortet. Ja ja, schon gut, ich bin ja still. Lauschen wir weiter dem Experten:

»Man muss zwei Kategorien unterscheiden: Einerseits gibt es Begriffe, die durch die Nazis eingeführt wurden, wie das Wort ›Lügenpresse‹.« *räusper* »Da ist der Fall eindeutig. Wer solche Wörter gezielt benutzt, bedient sich am Gedankengut der Nationalsozialisten.«

Hm? Moment, ich benutze solche Begriffe gezielt, wenn die Presse lügt. Ob die Nazis den selben guten Gedanken hatten, ist mir dabei relativ schnuppe. Aber bitte, ich bin flexibel: Lückenpresse, Märchenpresse, Pinocchiopresse… klingt alles nicht so verdächtig nach Endlösung der Reporterfrage. Besser?

»Und da frage ich mich, warum überhaupt noch darüber diskutiert wird, ob solche Ideen rechtsradikal sind.«

Ernsthaft? Mir macht eher Sorgen, wenn die Presse lügt. Aber so setzt halt jeder seine Prioritäten anders. Wenn jetzt diese Idee rechtsradikal ist, sollte man sie dann besser gar nicht erst denken? Ich versuche nur, das zu verstehen: Heißt das, der gesamte Ostblock ist beim Blick in die kommunistischen Zeitungen automatisch braun angelaufen?

»Andererseits gibt es Begriffe, die es schon vor der NS-Zeit gab, die aber durch die Nazis eine bestimmte Bedeutung bekommen haben. — Frage: Zum Beispiel? — Antwort: Zum Beispiel das Wort ›Volk‹.«

Nein! (Doch! Nein! Doch…) Gut, also auf diesem Niveau. Von mir aus. Tun wir einfach so, als gäbe es Konzepte wie »Kontext« gar nicht. Viel Spaß bei der Tatortbegehung, wenn die Begriffe »Blut« und »Boden« im selben Satz sofort die Bento-Sprachpolizei auf den Plan rufen! Und was ist mit dem Lebensraum des vom Aussterben bedrohten Sibirischen Tigers? Der braucht ihn doch. Seinen Lebensraum im Osten… Fällt dann wohl leider aus.

»Frage: Was passiert denn, wenn wir Wörter wie ›Volk‹ auf diese Art verwenden? — Antwort: Wir gewöhnen uns an nationalsozialistische Denkmuster.«

Seufz.

»Selbst, wenn man es unbewusst benutzt, also gar keine böse Absicht hat, führt die Verwendung dazu, dass die Idee eines ethnisch definierten Volkes im Bewusstsein der Gesellschaft verankert bleibt.«

Ja, und? Wenn ich jetzt ein bedrohtes Regenwaldvolk vor der Ausrottung durch gierige Holzkonzerne bewahren will (viel weniger böse Absicht kann man schwerlich aufbieten!), dann sehe ich irgendwie den Vorteil nicht, es mit »diese Leute, die da zufällig im Wald wohnen« zu umschreiben. Selbst wenn man sie mit einer wahllos aus einer New Yorker McDonald’s Filiale gezerrten Gruppe von Menschen wieder »auffüllen« würde — es wäre irgendwie nicht das selbe »Volk« wie vorher. Was ist daran schlimm? Das ist eben so.

»Das führt dazu, dass die tatsächlichen, noch schlimmeren Nazibegriffe mit der Zeit nicht mehr so empörend klingen, weil wir uns schon an die Konzepte gewöhnt haben. Sie werden also ›sagbar‹.«

Ja, gewöhn’ Dich schon mal dran. Volk, Volk, Volk, Volk… Und, schon empört? Volk, Volk, Volk. Das macht Spaß. VOLK, VOLK!

»Frage: Und so was passiert öfter? — Antwort: Ja. Zum Beispiel wenn eine inzwischen ehemalige Leipziger CDU-Abgeordnete von ›Umvolkung‹ spricht. Mit diesem Wort beschrieben die Nazis das Ansiedeln deutscher Menschen in eroberten osteuropäischen Gebieten – mit dem Ziel, die dortige Bevölkerung zu ersetzen. Und nun wird es umgedreht und so getan, als seien die Flüchtlinge Teil einer faschistischen Strategie, deutsche Staatsbürger nach und nach zu ersetzen. Da läuft es einem kalt den Rücken hinunter.«

In Tat, da läuft es einem kalt den Rücken runter… Völlig unabhängig davon, welchen unverdächtigen Begriff man dafür erfindet. Wie wäre es mit »Goldsegen«? Oder vielleicht: »Spontane massenhafte Bereicherung«? »Was für eine herbe Entdeutschung!«? »Buntifizierung«? Wie auch immer wir das Kind nennen, irgendjemand freut sich garantiert schon auf diese Fehlgeburt. Ganz sicher.

»Frage: Können wir nicht einfach die Nazi-Begriffe ›zurückerobern‹, also in anderen Kontexten verwenden und sie somit wieder positiv belegen?«

Überaus raffiniert, Hanna in der Rolle des Advocatus Diaboli. Irgendwie muss man das Gespräch ja am Laufen halten, auch wenn sich die beiden ohnehin einig sind, dass es nicht geht. »Mädels« darf man übrigens wieder sagen, sogar mit dem Segen des Experten und seiner Mädels. Aber:

»Antwort: Aber es gibt auch Wörter, hinter denen ein Konzept steckt.«

(ich will nicht unterbrechen, aber… hinter jedem Wort steckt ein Konzept. Sonst wäre es kein Wort. Das ist seine Daseinsberechtigung. Als Sprachwissenschaftler könnte man so etwas wissen!)

»Frauke Petry hat beispielsweise in einem Interview mal gefordert, das Wort ›völkisch‹ könne doch auch ganz neutral definiert werden und nicht immer mit den Nazis verbunden werden. Das stimmt aber nicht, weil mit diesem einen Wort viel mehr ausgedrückt wird, als die neutrale Beschreibung von Bürgern eines Staates. Diese Wörter kann man nicht einfach umdeuten.«

Doch, kann man. Man kann jedes Wort beliebig umdeuten. Das passiert ständig. Neutrale Begriffe wie »Diskriminierung« bekommen durch ihre fehlerhafte Anwendung eine negative Bedeutung, harmlose Worte wie »MultiKulti« bekommen durch die Reibung an der Realität einen ranzigen Beigeschmack und die einstmals positive Anrede »Fräulein« kommt heutzutage einer Beleidigung gleich. Von »Weib« ganz zu schweigen. So ist das mit der Sprache. Aber wem erzähle ich das? Abgesehen von diesem Sprachwissenschaftler.

»Frage: Hat sich die Verwendung von Nazi-Sprech seit Pegida und AfD verstärkt? — Antwort: Das kann ich nicht abschließend beurteilen, aber man sieht, dass sich die Grenze des Sagbaren immer weiter in Richtung härterer Aussagen verschoben hat.«

Hat sie? Mir fallen spontan auch eine ganze Reihe »weicherer Aussagen« ein, deren Zweck es offenbar ist, eher unangenehme Zusammenhänge in Watte zu packen (das ist das eigentlich Tückische an totalitären Sprachexperimenten). Beispielsweise: »Neue Bürger«, »Netzwerkdurchsetzungsgesetz«, »Vielfalt«, »Inklusion«, »Einzelfall«, »Gold«… Die Liste ist endlos. Ihr kennt das ja.

»In der Generation nach dem Zweiten Weltkrieg war die Empfindsamkeit für Nazisprache noch sehr hoch. Damals war sehr klar, dass man so – zumindest öffentlich – nicht sprechen darf.«

Jap, und da sind wir (es hat erstaunlich lange gedauert) auch schon bei den Sprechverboten. Ganz ehrlich? Mir ist es lieber, die Leute reden so, wie sie denken! Dann kann ich mir meinen Umgang leichter aussuchen. Bestimmte Dinge — zumindest öffentlich — nicht ohne Gefahr für Leib und Leben sagen zu dürfen, ist übrigens auch so eine Nazikacke. Wollte ich nur mal gesagt haben. Solang es noch geht.

»Wir haben uns als Gesellschaft nie ausreichend damit auseinandergesetzt, wie tiefgreifend der Nationalsozialismus unsere Sprache verändert hat. Dadurch sind diese Sprachmuster nie richtig verschwunden. Mit dem Erstarken der rechtsradikalen Bewegung – erst Pegida, jetzt AfD – ist dieser Sprachgebrauch wieder in die Öffentlichkeit gekommen. Und wir haben uns daran gewöhnt.«

Anatol… Mal unter uns Mädels: Bei Dir läuft irgendwas sehr, sehr schief. Oder, wie wir in Deutschland sagen: »Dir hat doch einer ins Getriebe geschissen!« Dafür gibt es übrigens nur eine überschaubare Zahl an Deutungsmöglichkeiten. Such Dir einfach eine davon aus. Sie treffen alle zu.

»Frage: Also muss man am besten alle Nazi-Begriffe verbieten?«

Was stimmt nicht mit diesen Linken… Ernsthaft, was stimmt mit euch nicht? Verbote hier, Verbote da. Ich verstehe ja, dass es hart ist, einen positiven Gesellschaftsentwurf zu formulieren, aber meiner fängt mit »möglichst wenig verbieten« an. Das ist auch wesentlich entspannter als alle anderen umzuerziehen.

»Antwort: Ob man einen Sprachgebrauch verbieten sollte, muss man sich ganz genau überlegen, denn das kann sehr schnell die Meinungsfreiheit einschränken.«

Ach?

»Verbote sollte man sich für schwerwiegende Fälle vorbehalten, wie im Fall der Holocaust-Leugnung.«

Ja. Jein. Irgendwie. Ich verstehe zwar die Intention, frage mich dann allerdings auch, warum »Gulagleugnung« nicht strafbar ist. Immerhin gibt es auch da noch Überlebende und Angehörige, die sich auf den Schlips getreten fühlen könnten. Völlig zurecht übrigens. Und, schlimmer noch: Die Leugnung verschwindet ja nicht — es ist einfach nur schwieriger, die Leugner auf Anhieb zu erkennen.

»Was wir stattdessen brauchen ist ein sensibler Umgang mit Sprache und ein Bewusstsein darüber, wie sehr sie noch immer von der Nazizeit geprägt ist.«

Ich widerspreche aus Prinzip. Nicht, weil er komplett Unrecht hat, sondern weil mir grad danach ist. Die natürlich Reaktion auf einen unausstehlichen linksextremen Fatzke. Viel interessanter ist der Blick aufs große Ganze, die generelle Wachsamkeit gegenüber jeglichen totalitären Sprachverdrehungsversuchen.

Es ist ja nicht so, dass wir nicht zufällig auch eine kommunistische Diktatur auf deutschem Boden erdulden mussten. Die hat so verdächtige Begriffe wie »Nationale Front« hervorgebracht. Klingt sehr Nazi, ist aber ein DDR-Ungetüm. Welchen Unterschied macht es für jemanden, ob er wegen »Wehrkraftzersetzung«, »Propaganda vom Klassenfeind« oder »Fake-News« eingesperrt wird? Das ist doch Jacke wie Hose!

»Aber unsere gesellschaftliche Realität ist nicht objektiv, sie entsteht durch die Art, wie wir über sie reden. Wenn wir beispielsweise Sprachbilder verwenden, die Menschen in wertvoll und weniger wertvoll aufteilen, dann können diese Bilder sehr schnell wieder Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit werden.«

Ja, so Sprachbilder wie »Nazis raus!«. Können bei unbedarften Zeitgenossen schon mal das Streichholz lockern, wenn sie ein AfD-Auto sehen. Da muss man sehr vorsichtig sein. Zum Glück gibt es Sprachwissenschaftler.

»So etwas passiert nie plötzlich, sondern immer zuerst sprachlich. Es wird immer zuerst geguckt, wie weit kann ich sprachlich gehen, was akzeptiert die Gesellschaft. Und wenn sich das in den Köpfen etabliert hat, dann kann man zur Tat schreiten. Das ist das Gefährliche an dieser Art der Sprache.«

Ich hätte es kaum besser formulieren können. Lohnt sich, mal darüber nachzudenken.

Damit man allerdings nicht zuuu lange darüber nachdenkt oder gar auf abwegige Gedanken kommt, folgt sogleich und abschließend eine linguistische Verkostung in Form eines lustigen Ratespiels: »Wie erkennt man schwierige Wörter in der Alltagssprache? Mach den Test! Welche dieser Sätze haben einen Nazi-Beigeschmack – und welche sind völlig harmlos?«

(Die Sache hat bestimmt einen Haken, kreuze ich mal lieber nix an…)

[1] http://www.bento.de/politik/nazi-sprech-benutzt-du-diese-saetze-im-alltag-1827666/