Irgendwer hat Schuld: Die Folgekosten einer Weltreise.

Irgendwer hat Schuld: Die Folgekosten einer Weltreise.

Es muss raus. Ich besitze einen Migrationshintergrund. Meine Vorfahren sind aus Afrika über den nahen Osten und viele andere Umwege massenhaft direkt nach Europa eingewandert und das Beste, was der zahlenmäßig unterlegenen, indigenen Bevölkerung dabei widerfahren ist, war noch die gelegentliche Assimilation durch außerehelichen Geschlechtsverkehr. Auch wenn bösartige Zeitgenossen behaupten, dass sich durchaus noch einige Restexemplare der ursprünglichen Anwohner in genetischer Reinform bis heute erhalten und sogar Regierungsverantwortung übernommen haben, bleibt im Wesentlichen festzuhalten: Mir doch egal, jetzt sind sie halt weg!

Manchmal hat Krieg und Verfolgung diese Migrationslust geweckt, oft genug standen aber einfach wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Man ist mangels noch nicht erfundenem Fernhandel spontan mit wenig Sack und viel Pack dahin umgezogen, wo das Gras grüner und das Mammut leckerer war. Oder auch nur, weil man mal anderes Wetter sehen wollte. Ausweise wurden selten mitgenommen und deren Vorzeigen auch kaum verlangt. Es kann allenfalls spekuliert werden, ob sich die im Aussterben begriffenen Alteuropäer spätestens an dieser Stelle gefragt haben, ob sie das Feuer und sichere Grenzen in der falschen Reihenfolge erfunden haben; archäologisch belegen lässt sich das nicht.

Vielleicht aber ist bereits damals schon einem bildungsfernen, früh radikalisierten Querulanten am rechten Rand des östlichen Höhleneingangs in den Sinn gekommen, dass eine unreflektierte Willkommenskultur nicht immer die beste Antwort auf alle Fragen des Lebens ist. Auch nicht auf so drängende wie: »Hast Du Dir wieder mit meinem Faustkeil die Zähne geputzt?«, »Wie spät ist es eigentlich und wenn nicht, warum?« oder auch nur »Und, sonst so?« (die Antwort darauf lautete schon damals völlig korrekt: »Och, muss halt!«). Vom Ergebnis her gedacht, darf aber zweifellos angenommen werden, dass schon zu jener Zeit der heimliche Nachwuchsnazi im Bärentanga konsequent ruhiggestellt wurde. »Detlef, iss Dein Wollnashorn auf, sonst scheint die Sonne nicht! Und dann geht’s ohne Sandmännchen sofort ins Bett. Du musst morgen früh ausgeschlafen sein, sonst blamierst Du uns beim interkulturellen Namenstanzen im Integrationskurs!« Unfug, sicherlich. Aber auch nicht ganz auszuschließen.

Auffällig ist, dass geschichtlich betrachtet das unablässige Nachgeben der Klügeren erstaunlich oft mit deren Aussterben belohnt wurde. Ob es daran liegt, dass die Evolution Humor besitzt und sich selbst gern beim Lachen zuschaut, weiß ich nicht. In jedem Fall ist auf diese Weise sichergestellt, dass der selbe Fehler bedenkenlos wiederholt werden kann. Es sind nämlich noch ganz andere Kaliber lächelnd in die selbe Falle gerannt. Für meine Vorfahren war es erst mal vorteilhaft — ihre einmal geweckte Reiselust war nach dieser Erfolgsgeschichte kaum mehr zu bremsen. Ich will hier niemanden mit Fakten langweilen, die er auch, mitunter eigenwillig interpretiert, genauso gut bei ZDF Hysterie oder TerraXY‐ungelöst aufschnappen kann. Da laufen manchmal ganz spannende Sachen abseits von »Hitlers Nasenhaartrimmer«. Daher zur Auflockerung 13 berühmte letzte Sätze, die jeder selbst nach Belieben einordnen darf, damit sie auch wirklich Unglück bringen:

»Klar gibt’s hier noch mehr Gold! Und zwar da hinten…«
»Tolles Kanonenboot, parkt es doch einfach gratis im Hafen.«
»Seid ihr echt Götter? Das ist so krass cool, eyh!«
»Interessant, dieser Jesus hat uns alle lieb? Erzähl mir mehr davon.«
»Warum muss ich für dieses Auslandspraktikum Ketten anlegen?«
»Was für schöne Wolldecken! Das wäre doch nicht nöti.. *röchel*«
»Ja, wenn dieser Mohammed das sagt, dann muss die Rübe halt runter.«
»Klar könnt ihr da hinten bauen. Und jetzt her mit dem Schnaps!«
»Lächerlich, knallende Stöcke! Unsere Bögen sind praktisch lautlos.«
»Mein Haus ist auch Dein Haus. Das da ist übrigens meine Frau…«
»Der Nachbarstamm nervt uns schon lange, auf den gibt’s sogar Rabatt.«
»Hier wachsen überall Gewürze. Nehmt euch einfach, was ihr braucht.«
»Halbautomatische Sturmgewehre gehören nicht in eine Zivilgesellschaft!«

Meine Vorfahren sind jedenfalls ganz schön weit rumgekommen. Und sie haben viele nette, oft erschreckend gutmütige und/oder gutgläubige Menschen getroffen. Oft auch zwischen die Augen. Wenn man da nicht gründlich arbeitet, bleiben manchmal sogar Zeugen übrig. Wie unangenehm das ist, kann einem jeder Mafiaboss beim Nachmittagstee erläutern. Das wird mitunter richtig teuer. Den Herero und Nama aus Afrika beispielsweise ist nun gelungen, womit keiner mehr gerechnet hatte, sie haben nach 112 Jahren eine Anklage gegen ihre ehemaligen, in diesem Fall mal deutschen, Kolonialherren‐ und Damen formuliert und diese bei einem amerikanischen Gericht eingereicht. Darauf komme ich gleich noch zu sprechen. Was war geschehen? Vereinfacht gesagt haben meine Vorfahren deren Vorfahren in die Wüste geschickt. Sprichwörtlich. Männer, Frauen, Kinder, Haustiere, alle elendig verreckt. Das kann man nicht netter formulieren. Es waren sehr viele Zehntausend. Was damals noch euphemistisch als »Aufstände niederwerfen« bezeichnet wurde, tritt heute zurecht in der Rubrik »Völkermord« an. Und der ist richtig scheiße, egal wer ihn an wem begeht und mit welcher Begründung.

Wer die Flexibilität des angelsächsischen Rechtswesens kennt und schon mal die großzügigen Entschädigungssummen bestaunt hat, die dort erstreitbar sind, kann sich natürlich ausmalen, warum dort Klage eingereicht wurde und nicht in Straßburg oder Den Haag (wobei ich mir allerdings auch sicher bin, dass die Klage bereits dort angekommen war, bevor Trump gewählt wurde). Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich möchte auch, dass diesen Menschen Gerechtigkeit widerfährt. Spät, aber immerhin. Wenn man so etwas überhaupt wieder gutmachen kann. Es wäre allerdings gerechter und weitaus kostengünstiger gewesen, wenn uns das selbst und schon früher eingefallen wäre. Fällt das Urteil zu deren Gunsten aus, dann werden wir uns wünschen, wir hätten jedem einzelnen dort ein Haus gebaut, ein Auto geschenkt und eine Parteikarriere bei den Grünen obendrauf gelegt.

Der weitaus größere Teil der Welt schaut nun sehr gespannt auf dieses Verfahren und auf den weitaus kleineren Teil der Welt. Weil er sich mit Risikofolgenabschätzung noch nicht so gut auskennt. Die Armenier zücken den Taschenrechner und funkeln die Türkei lüstern an. Mittel‐ und Südamerika halten dermaßen geräuschvoll den Atem an, dass Spanien und Portugal schon über einen gemeinsamen Asylantrag in Griechenland nachdenken. Die schwarzen Südafrikaner wollen schon länger die weißen Südafrikaner »zurück nach Europa, wo sie hingehören« schicken, weil sie ihre eigene Geschichte nicht verstanden haben und auch nicht, dass wir dann auf die Idee kommen könnten, im Gegenzug sehr viele mehr Millionen schwarze Europäer »zurück nach Afrika, wo sie hingehören« zu schicken. Ägypten überlegt sich derweil, wie man die Kosten für den Unterhalt der Pyramiden in römische Ziffern übersetzt. Und selbstverständlich haben die Menschen, die schon länger am Gerichtsstandort leben (oder auch nicht mehr leben) bereits den Abakus aus dem Tipi geholt. Ich hätte da übrigens auch noch den einen oder anderen Wunsch an die evangelischen, katholischen und sonstigen Kirchen in der Schublade, der sich nicht mit einem »Sorry!« ausgleichen läßt. Und gerüchteweise häufen sich die ersten Stimmen im Neanderthal, die laut über eine Steuernachforderung an die Bundesrepublik nachdenken…

Es wird vermutlich halb so schlimm kommen. Wenn überhaupt. Auch aus den oben genannten Gründen. Ich hoffe, es kommt ein kleiner Kompromiss dabei heraus, bei dem niemand sein Gesicht verliert. Oder sein Leben. Dem Letzten, der öffentlich von Entschädigungsmilliarden für Afrika geträumt hat, sind bekanntlich ein paar amerikanische Bomben in den Garten gepurzelt. Den Rest hat der einheimische Mob vor laufenden Kameras basisdemokratisch erledigt. Und ist danach in die Boote Richtung Europa gesprungen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen, aber er war mal ehrbarer Präsident der Afrikanischen Union, sah aus wie eine Diktator‐Karikatur und war unser Kumpel, als er noch mehr Menschen vorm Insbootespringen und Migrationshintergrundbekommen abgehalten und weniger gerechnet hat. Goofie. Fluffy. Gaddafi?

Die Herero und Nama waren immerhin clever genug, nicht vorher öffentlich darüber nachzudenken, sondern sind gleich mit der Überraschung ins Haus gestolpert. Nun ist der Vorfall also aktenkundig. Ihnen jetzt das Land auf Knopfdruck einzuebnen wäre ebenso verdächtig wie der plötzliche Ruf nach Revolution und mehr Demokratie in Südwestafrika. Es wird sich eine Lösung finden müssen, die irgendwie gerecht aussieht, aber nicht die Büchse der Pandora sperrangelweit öffnet. Die daraus folgende Kettenreaktion einer finanziellen und moralischen, weltumspannenden Rückabwicklung der Menschheitsgeschichte bis zu den ersten Gehversuchen würde einen winzigen Punkt in Ostafrika irrwitzig reich machen und den Rest der Welt als verstrahlte Wüste zurücklassen.

Und dann müsste ich (wie fast alle anderen auch) wieder mal migrieren, so wie meine Vorfahren. Das hat ja schon mal ganz gut funktioniert. Die Alternative wäre: Mal darüber nachzudenken, warum Grenzen hilfreich sind, wenn sie nicht Menschen einmauern oder ausschließen, sondern einfach etwas beim Genauerhingucken helfen, wer da eigentlich wo hin will und warum eigentlich und wie viele und überhaupt. Zumindest solange, wie noch genügend Idioten unterwegs sind. Man könnte auch darüber nachdenken, warum Gastfreundschaft weltweit hoch angesehen ist, die meisten nicht geisteskranken Leute inzwischen aber eher verstört reagieren, wenn die Gäste nicht mehr gehen wollen. Man könnte überhaupt öfter mal nachdenken, warum irgendwas passiert. Und das möglichst, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist, und man jemanden hinterher verklagen muss. Falls man noch kann.

Und ja, ich darf das. Ich besitze einen Migrationshintergrund.

Sina Lorenz

Patriotische Libertäre mit Tendenz zu geistigen Amokläufen.
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