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Weltwunder am Samstag: Meuthen will die Bundesregierung entsorgen.

Natürlich war es nicht die Intention der WELT, mir mit diesem Artikel [1] den Tag zu versüßen — ganz im Gegenteil. Aber er kann immer noch als gutes Beispiel dafür herhalten, was genau nicht mehr mit dem Journalismus stimmt. Früher hätte man so ein Pamphlet als »Meinung« oder »Kommentar« gekennzeichnet und sich zumindest formal davon distanziert. Heute tarnt es sich als neutrale Berichterstattung. Schauen wir uns das, zumindest auszugsweise, mal im Detail an:

»Die umstrittenen Äußerungen von AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland über die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), waren nach den Worten des Parteivorsitzenden Jörg Meuthen noch ›bescheiden‹.«

Umstritten waren diese Äußerungen ja vor allem bei der umstrittenenen Islamisierungsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD). Und das ist, wie formuliere ich es, ihr Problem. Sie fühlt sich auf den Schlips getreten. Passiert. Und ja, da geht doch noch mehr, beispielsweise:

»[…] ›Er wollte ja nur Frau Özoguz entsorgen‹, sagte Meuthen am Samstag bei einer umstrittenen Wahlkampfveranstaltung in Nürnberg. ›Unser Ziel ist es, die ganze Regierung Merkel rückstandsfrei zu entsorgen.‹ «

Hoffentlich auch in Anatolien. Wobei, damit würde man diesem gebeutelten Landstrich wirklich keinen Gefallen tun. Vielleicht könnte man die ganze Truppe so lange in politischen Kastor-Behältern durch die Gegend fahren, bis man ein geeignetes Endlager findet? Egal, wir kommen vom Thema ab…

Es folgt dann einiges Blahblah, durchsetzt mit sinnvollen Anregungen wie »Meuthen empfahl Özoguz, sich zu überlegen, ob sie überhaupt in Deutschland leben oder nicht lieber auswandern wolle« (guter Mann, dieser Gedanke kommt mir auch regelmäßig!), bevor es wieder zur Sache geht:

»Die Stadt hatte wegen Gaulands Äußerungen über Özoguz versucht, die Veranstaltung zu verhindern, indem sie den Mietvertrag für die Halle kündigte. Dagegen zog die Partei erfolgreich vor Gericht.«

Das wäre zum Beispiel ein guter Ansatzpunkt für einen Skandal und berechtigte Empörung gewesen. Wo leben wir eigentlich, wenn es »normal« ist, unliebsamen Zeitgenossen auf dem Wege der Selbstjustiz das Grundrecht der Meinungsfreiheit zu entziehen? Zum Glück, in diesem Fall, scheinbar doch noch in einem Rechtsstaat. Aber die WELT hat diese Gelegenheit natürlich verpasst und freut sich lieber darüber:

»Die Stadt hatte die Äußerungen als ›menschenverachtend‹ bezeichnet und wollte nicht zulassen, dass es in einer städtischen Einrichtung erneut ähnliche Äußerungen gibt – aus Sorge um den Ruf der Stadt.«

Okay, das ist jetzt doch einigermaßen lächerlich… Welcher (gute vermutlich) Ruf? Bei Nürnberg denke ich zuerst an die Massenaufmärsche der Nazis und die Nürnberger Prozesse. Was soll man da noch mehr ramponieren? Wäre ich Nürnberg, würde ich vor allem jegliche Handlung unterlassen, die ungute Erinnerungen an totalitäre Zeiten weckt. Nur mal so als Idee.

Im Übrigen ist die Verachtung von Menschen nicht per se problematisch. Jeder von uns verachtet irgendwelche Menschen, oft sogar aus gutem Grund. Manchmal auch aus weniger gutem Grund, beispielsweise verachten die Bürgermeister der Stadt Nürnberg die Parteimitglieder der AfD. Wem Ironie liegt, der wird daran viel Freude haben. Trotzdem kommt keiner auf die Idee, die Stadt Nürnberg zu verbieten.

Es gibt natürlich auch weitere, unbeabsichtigt positive Stellen in dem Artikel, wie beispielsweise: »Der ehemalige tschechische Staatspräsident Václav Klaus sagte als Gastredner mit Blick auf die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes zur Verteilung von Flüchtlingen: Er rate den Tschechen, ›mit den Vorbereitungen zum Verlassen der EU‹ anzufangen.«

Absolut, da hat er Recht. Und nicht nur deshalb. Spätestens wenn die EU sich daran macht, die Tschechen zu entwaffnen, reißt denen ohnehin der Geduldsfaden. Verständlicherweise. Natürlich nicht für die WELT. Die kramt aus irgendeiner dunklen Niesche einen CSU-Kasper hervor, der unwidersprochen von »Nationalisten« und »EU-Hassern« schwadroniert. Ist das nicht menschenverachtend oder sowas?

Das besondere Schmankerl kommt natürlich zum Schluss und verdeutlicht ganz wunderbar das journalistische Totalversagen: Wenn sich Meinung und Berichterstattung schon nicht mehr trennen lassen und dann auch noch mit Fake-News garniert werden, die völlig unrecherchiert, unreflektiert und unkommentiert an das Ende eines ohnehin nicht besonders preiswertverdächtigen Artikel eines Leidmediums getackert werden…

»Vor der Halle demonstrierten nach Polizeiangaben etwa 500 Menschen gegen die AfD-Veranstaltung. Teilnehmer riefen Parolen wie ›Ganz Nürnberg hasst die AfD‹ und ›Rassisten, haut ab.‹ Zu dem Protest hatten unter anderem die Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg und das Antifaschistische Aktionsbündnis aufgerufen. Die Kundgebung blieb weitgehend friedlich.«

Äh, ja. Mit anderen Worten: Draußen demonstrieren echte Nazis gegen die vermeintlichen Rassisten drinnen. Macht Sinn. Übrigens, Nürnberg hat 509.975 Einwohner. Rein rechnerisch hassen somit 0,098 Prozent der Nürnberger die AfD. Das sind noch weniger als die friedliebenden Kölner Muslime, die man zu einer Demo gegen islamischen Terror tragen kann. A propos »weitgehend friedlich«:

»Auch wenn es offenbar Eingriffe in den Schienenverkehr gab. So kam es zeitweise zu Problemen bei den Linien 6, 9 und 36. Demonstranten hielten sich im Gleisbett auf. Die VAG hat daraufhin entsprechende Umleitungen eingerichtet.« [2]

Da wurde also weitgehend friedlich gefährlich in den Schienenverkehr eingegriffen (§ 315 StGB). Offenbar zählt es im Zusammenhang mit der Antifa schon als Erfolg, wenn nicht ein paar Straßenbahnen ausgebrannt sind. »Low expectations«, wie man im Englischen so sagt.

Ich glaube, in so einer Welt will ich dann doch nicht leben. Ein Grund mehr, AfD zu wählen…

[1] https://www.welt.de/politik/deutschland/article168490381/Joerg-Meuthen-will-Bundesregierung-entsorgen.html
[2] http://www.nordbayerischer-kurier.de/nachrichten/demo-gegen-gauland-auftritt_604385